Fischotter; Foto: Astrid Brillen - piclease

Neozoen – gebietsfremde Tiere

Als Neozoen werden Tierarten bezeichnet, die seit Beginn des Kontinente übergreifenden Handels ab 1492 unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen in ein ihnen zuvor nicht zugängliches Faunengebiet gelangt sind und dort neue Populationen aufgebaut haben. Erfolgreich sind vor allem konkurrenzstarke Arten sowie Haus- und Nutztiere des Menschen.

Viele Arten, die mit oder ohne aktive Hilfe des Menschen in neue Regionen vordringen, breiten sich zuerst im Siedlungsbereich aus. Im Umfeld der Häuser liefern höhere Temperaturen und ein gutes Nahrungsangebot vielfach ideale Voraussetzungen, um sich in der fremden Umgebung zu etablieren. So finden sich beispielsweise in manchen wärmebegünstigten Städten Deutschlands Kolonien des Halsbandsittichs – bei den ersten Vögeln dürfte es sich dabei um entflogene Exemplare gehandelt haben.

Wasserstraßen und Kanäle, v.a. jene, die unterschiedliche Flusssysteme verbinden, wie der 1992 in Betrieb genommene Rhein-Main-Donau-Kanal, fördern die Verbreitung gebietsfremder aquatischer Arten. Über den Schiffsverkehr können auch ansonsten wenig mobile Arten neue Gebiete erreichen. So sind beispielsweise seit einigen Jahren in Bayern Massenentwicklungen von invasiven Kleinfischen aus der Familie der Grundeln festgestellt worden. Derzeit sind aus Deutschland fünf Arten bekannt, die in Anlehnung an ihre ursprünglichen Herkunftsgebiete häufig unter dem Begriff »Schwarzmeergrundeln« zusammengefasst werden.
In weniger als zwei Jahrzehnten hat es die Schwarzmundgrundel, eine dieser fünf Arten, geschafft, sich in den Einzugsgebieten nahezu aller großen Flüsse Deutschlands sowie in den Küstenregionen der Ostsee zu etablieren.

KrebsBild vergrössern Kamberkrebs; Foto: Andreas Hartl

Auch über Aquarianer oder Terrarianer, die manchmal aus falsch verstandener Tierliebe, Tiere in Gewässer einsetzen oder über den Besatz von Gewässern mit ungeeigneten Arten können Probleme entstehen. Ein Beispiel ist die Einschleppung und Verbreitung der Krebspest: Die Bestände der beiden in Bayern heimischen Krebsarten, Edelkrebs und Steinkrebs, werden massiv durch eingeschleppte invasive Krebsarten (Galizierkrebs, Kamberkrebs, Signalkrebs, Roter Sumpfkrebs) bedroht. Einerseits erfolgt dies durch direkte Konkurrenz um Nahrung und Uferhöhlen als Unterschlupf, aber andererseits ist v.a. die Übertragung einer "Pilzerkrankung", der sog. "Krebspest", kritisch, die für die heimischen Arten meist tödlich endet.

Ein anderes Beispiel ist der Bisam, der im Jahre 1905 von Nordamerika in die Tschechoslowakei gebracht wurde. Innerhalb weniger Jahrzehnte verbreitete sich das kleine Säugetier in ganz Mitteleuropa, was auch durch willentliche Ansiedelungen – zum Zweck der Pelzerzeugung – verstärkt wurde. Der Bisam gefährdet beispielsweise Muschelpopulationen in ihrem Bestand, kann zu Destabilisierung von Ufern und zu lokalen Auslöschungen einiger Pflanzenarten führen. Auch der Mink oder Amerikanische Nerz wurde für die Pelzgewinnung eingeführt. Seit den 1950er Jahren haben sich aus Nerzfarmen entlaufene oder freigelassene Tiere auch in Europa ausgebreitet und den heimischen Europäischen Nerz weitgehend verdrängt.

Marienkäfer an einem BaustammBild vergrössern Totholzstamm mit verschiedenen Farbvarianten des Asiatischen Marienkäfers; Foto: Andreas Zehm

Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Asiatische Marienkäfer zunächst in den USA und dann auch in Europa zur biologischen Schädlingsbekämpfung (Blattlausbekämpfung) eingeführt. Inzwischen tritt er an vielen Stellen massenhaft wild auf, und man befürchtet, dass er einheimische Marienkäfer-Arten und auch andere Arten verdrängt. Besonders auffällig sind die individuenreichen Überwinterungsgruppen, die sich häufig auch an und in Gebäuden finden.

Aber nicht alle Neozoen leben heimlich in der Natur. Zahlreiche Arten zählen zu den Vorratsschädlingen. So war beispielsweise die Mehlmotte ursprünglich nur in Vorderasien beheimatet. Doch 1877 wurde sie in Europa mit einer Ladung amerikanischen Mehls eingeführt. Die Raupen der Mehlmotte ernähren sich – wie viele Menschen – bevorzugt von Weizen- und anderen Mehlsorten sowie Tabak, Körnern, Samen, Nudeln, Früchten, Kakao und Nüssen. Beim Fressen produzieren die Maden einen Seidenfaden, der das Mehl verklebt. Dies führt zur Verstopfung von Sieben und Trichtern in Mühlen und Bäckereien. Zudem wird durch die Exkremente das Mehl dunkel gefärbt und der Geschmack beeinträchtigt.

Arten als Profiteure des Klimawandels

Neben den Neozoen erweiterten auch einige Tiere in den letzten Jahrzehnten aus eigener Kraft ihre Vorkommensgebiete. Die meisten von ihnen stammen aus dem Mittelmeerraum, so dass davon auszugehen ist, dass es sich vielfach um Profiteure des Klimawandels handelt.