Fischotter; Foto: Astrid Brillen - piclease

Rote Liste der Flechten (Lichenes) Bayerns

Seit Juli 2019 liegt die erste Rote Liste der Flechten (einschließlich flechtenbewohnender und flechtenähnlicher Pilze) Bayerns vor, die 2.054 Arten sowie Unterarten umfasst. Davon sind

  • 1.624 Taxa Flechten,
  • 399 flechtenbewohnende Pilze und
  • 31 flechtenähnliche Pilze.
Inmitten der Nadelstreu wachsende Bodenflechte mit trichterförmigem Aussehen und roten Spitzen Die in Bayern seltene und gefährdete Gewöhnliche Scharlachflechte (Cladonia pleurota) kommt vorwiegend in den Sandgebieten des Flachlandes und in den Silikatgebirgen vor. In der Roten Liste 2019 wurde sie als gefährdet (Kategorie 3) eingestuft; wegen der noch stabileren (aber auch rückläufigen) Bestände in den Alpen wurde sie in der Region auf die Vorwarnliste gesetzt; Foto: Wolfgang von Brackel

Die hohe Zahl der Arten (sie entspricht etwa 80 % der insgesamt in Deutschland nachgewiesenen Arten) erklärt sich aus der landschaftlichen Vielfalt Bayerns, die vom wärmebegünstigten Maintal bis zu den kontinental geprägten ostbayerischen Randgebirgen und den Hochlagen der südbayerischen Kalkalpen reicht.

In Bayern sind 32 % der Taxa als gefährdet eingestuft, in den Alpen 22 % und außerhalb der Alpen 30 %. Aufgrund der intensiveren Flächennutzung außerhalb der Alpen finden sich prozentual mehr gefährdete Arten als in der alpinen Region mit ihren großflächigen naturnahen Landschaften und der geringeren Schadstoffbelastung. Dagegen finden sich in den Alpen besonders viele extrem seltene Arten: 21 % gegenüber 13 % im kontinentalen Teil.

Nur wenige Arten sind häufig oder sehr häufig (knapp 150, das entspricht etwa 7 %). Unter ihnen finden sich viele Nitrophyten (also Arten, die mit hohen Nährstoffgehalten des Substrates zurechtkommen), die mit der allgemeinen Überdüngung der Landschaft besser zurechtkommen als die große Zahl der nährstofffliehenden Flechten.

Landschaftsaufnahme mit Felsen im Hintergrund vor denen auf zwei Ebenen Straßen verlaufen, die eine ragt bis direkt an die Felsen heran Die Kalkfelsen der Fränkischen Alb stellen wertvolle Lebensräume auch für hochgradig seltene Flechten dar. Gleichzeitig sind sie aber auch durch vielfältige Belastungen wie Tourismus, Schadstoffbelastungen durch den Straßenverkehr oder Beschattung durch Nutzungsauflassung von Halbtrockenrasen gefährdet; Foto: Wolfgang von Brackel

Ausgestorben sind in Bayern 250 Arten, das entspricht 12 %. Sie sind überwiegend der veränderten Landnutzung und Luft-Schadstoff-Belastungen zum Opfer gefallen. Die bayerischen Flechten waren in den letzten 200 Jahren (dem Zeitraum, zu dem Angaben zu den Beständen vorliegen), etlichen Belastungen ausgesetzt: Anfangs führte die Industrialisierung zu erhöhten Schwefeldioxyd-Konzentrationen in der Luft, die aber Ende des 20. Jahrhunderts durch verstärkte Anstrengungen in der Luftreinhaltung wieder signifikant verringert werden konnten. Die Zusammenlegung zu größeren Nutzungseinheiten und die Intensivierung der Landwirtschaft zerstörten vor allem in der Zeit nach 1950 zahlreiche Lebensräume in der offenen Landschaft. In den Wäldern führten bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts die aufkommenden Nadelholz-Monokulturen zu massiven Verlusten in der Flechten-Vielfalt. Seit etwa 40 Jahren bedroht zunehmend eine steigende Düngung aus der Luft (vor allem durch Stickstoffverbindungen aus Industrie, Verkehr und Landwirtschaft) flächendeckend die Flechtenvielfalt und ihre Lebensräume, vor allem indem sie Höhere Pflanzen und konkurrenzkräftige Moose fördert. Diese können die langsam wachsenden Flechten überwachsen und verdrängen.

Schutzbemühungen für Flechten können nur Erfolg haben, wenn ihre Lebensräume erhalten werden. Dies sind für die gefährdeten Arten vor allem:

  • Felsen und Blockschutthalden,
  • lückig bewachsene Magerrasen,
  • einzeln stehende Altbäume und
  • großflächige, forstlich schonend genutzte Waldgebiete.

Die weitgehende Beseitigung des Schwefels aus Brennstoffen und Abgasen hat die Situation der Flechten Ende des letzten Jahrhunderts entscheidend verbessert, viele Arten konnten zurückkehren oder ihre Bestände vergrößern. Nun gilt es vor allem die flächendeckende Überdüngung der Landschaft durch Stickstoff-Verbindungen zu minimieren.

Ergänzend zur Roten Liste wird eine Arbeitsgrundlage zur Verfügung gestellt, in der umfassend Angaben zu historischen und aktuellen Vorkommen der Arten in Bayern gemacht werden.