Fischotter, Foto Astrid Brillen, piclease Naturbildagentur

Wildtierkorridore

Hasltalbrücke im Spessart Bild vergrößern Hasltalbrücke im Spessart; Foto: Bischof & Broel, Nürnberg

In Bayern leben mit dem Rothirsch und dem Luchs zwei bedeutende, große Wildtierarten mit einem erheblichen Raumbedarf. Weitere Großtierarten wie Elch, Wolf und Bär (Stichwort Bruno bzw. JJ1) leben nicht allzu weit von Bayern entfernt und könnten sich auch bei uns etablieren. Die wichtigsten Rückzugsgebiete für große Tierarten stellen die ausgedehnten Waldgebiete in den Mittelgebirgen und den Alpen dar. Aufgrund der teilweise sehr großen Raumansprüche der einzelnen Individuen mit Reviergrößen von teilweise mehreren Hundert Quadratkilometern und der enormen Wanderfähigkeiten (mehrere Dutzend Kilometer pro Tag) benötigen diese Arten Räume oder Landschaftsteile, die ihre Lebensräume verbinden. Wir sprechen hier von Wander- oder Wildtierkorridoren.

Gefährdung durch Zerschneidung

Zu den bedeutenden Gefährdungsfaktoren für einheimische Lebensgemeinschaften und viele Arten zählen die Zerschneidung von Lebensräumen und die Unterbrechung der Lebensräume sowie zwischen ihnen (also Wander- und Austauschbeziehungen durch Verkehrsinfrastrukturen. In erster Linie ist hierbei das dichte Straßennetz zu nennen, insbesondere Bundesfernstraßen und andere besonders verkehrsreiche Straßen. Da gut die Hälfte der Autobahnen und eine Reihe von Bundesstraßen von Wildschutzzäunen begleitet sind, bilden diese Straßen nahezu vollständige Barrieren für die meisten mittelgroßen und großen Wildtiere. Die Länge aller Straßen in Bayern außerhalb der Ortschaften umfasst ca. 130.000 km (Statistisches Jahrbuch 2004), davon ca. 42.000 km überörtliche Straßen. Das entspricht einer Straßendichte von 1,83 (0,59) km Straße pro km². Die durchschnittliche tägliche Verkehrsbelastung auf bayerischen Autobahnen beträgt über 46.000 Kfz (Stand 2003).

Durchlässigkeit des Straßennetzes

Wildtiere haben es sehr schwer, auf ihren Wanderwege erfolgreich diese Verkehrswege zu passieren und schaffen dies in der Regel nur, wenn sie günstig gelegene Bauwerke (im Idealfall Viadukte und andere große Brücken oder Tunnel) finden, die eine Unter- oder Überquerung ermöglichen. In Bayern wiesen unter knapp 3.000 untersuchten Bauwerken an Autobahnen und einigen Bundesstraßen nur ca. 4% eine aus wildtierökologischer Sicht gute Eignung für die gefahrlose Querung der Straßen auf. Mehr als 75% der untersuchten Autobahnstrecken (2.136 km) müssen als undurchlässig für Wildtiere (nicht ohne hohes Tötungsrisiko überquerbar) eingestuft werden, nur 8% erscheinen aus dem Blickwinkel der Wildtiere als gut durchlässig.

Grünbrücke Stettenhofen Bild vergrößern Grünbrücke über die B2 bei Stettenhofen (nördlich von Augsburg); Foto: Bernd-Ulrich Rudolph

Am deutlichsten wird die Problematik Wildtiere – Straßen, wenn seltene Tiere wie der Luchs oder Einwanderer wie Elche und Wölfe als Verkehrsopfer sterben und in der Presse erscheinen (z. B. mehrere Elche in den letzten Jahren in Ostbayern, ein Wolf 2006 an der B 2 bei Starnberg, ein Luchs 2006 an der B 11 bei Deggendorf oder an der A 8 auf der Schwäbischen Alb). Diese Vorfälle bestätigen zum einen, dass Wildtiere weite Wanderungen unternehmen und zum anderen, dass Straßen oft unüberwindbare Hindernisse darstellen. Diesen Aufsehen erregenden Einzeltieren stehen Millionen weiterer Tiere gegenüber, die jährlich an Straßen verunglücken, darunter ca. 200.000 Rehe in ganz Deutschland (ca. 40.000 in Bayern) und 2.500 Rothirsche (370 in Bayern). Mit der Vielzahl an Wildunfällen ist leider auch eine enorme Gefährdung der Autofahrer verbunden.

Folgerungen aus der Politik

Der Konflikt Straße – Wildtier wurde mittlerweile auch von der Politik aufgegriffen: Mit mehreren Beschlüssen hat der Bayerische Landtag die Staatsregierung aufgefordert, den Biotopverbund für große Wildtiere zu stärken und auf eine Minderung der Zerschneidungswirkung hinzuwirken. Sowohl die Biodiversitätsstrategie des Bundes als auch die Bayerns sehen in der Verringerung der Lebensraumzerschneidung durch Infrastrukturen und der Wiederherstellung ökologisch-funktionaler Beziehungen von Wildtierlebensräumen, die auch die Wanderkorridore der Tiere zwischen ihren Lebensräumen einschließt, einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt. Das Bayerische Landesamt für Umwelt hat daher unter Beteiligung verschiedener Fachstellen und Fachleute das „Konzept für die Erhaltung und Wiederherstellung von bedeutsamen Wildtierkorridoren an Bundesfernstraßen in Bayern“ erarbeitet (siehe rechte Spalte).

Konzept für die Erhaltung und Wiederherstellung von bedeutsamen Wildtierkorridoren an Bundesfernstraßen in Bayern

Das Konzept zielt auf die Erhaltung und Verbesserung des Biotopverbundes für Wald und Deckung liebende Tierarten aus landesweiter Sicht ab. Es dient somit der Umsetzung des § 3 BNatSchG bzw. des Artikels 13f BayNatSchG. Die Arbeit analysiert und bewertet zunächst die in Bayern vorhandenen bedeutsamen Wildtierlebensräume und Wildtierkorridore anhand der Ziel- und Leitarten Luchs und Rothirsch. Sie stehen stellvertretend für die zahlreichen mittelgroßen und kleineren Säugetiere wie Reh, Wildschwein, Wildkatze, Dachs oder Baummarder. Ausgangspunkte für das Konzept sind dabei die amtlichen Rotwildgebiete sowie aktuelle und potenzielle Luchslebensräume, die ebenso wie mögliche Wanderkorridore dieser Wildtiere mit Hilfe eines Habitat- und Ausbreitungsmodells ermittelt wurden. In den Querungs- und Kreuzungsbereichen von Autobahnen und vierstreifigen Bundesstraßen mit Lebensräumen und Korridoren wurden weiterhin die vorhandenen Brücken- und Unterführungsbauwerke in Hinblick auf ihre Eignung als Durchlässe für große Wildtiere beurteilt und die Durchlässigkeit dieser Straßenabschnitte bewertet. Insgesamt wurden 52 Abschnitte von 14 Autobahnen und drei Bundesstraßen mit einer Gesamtlänge von 2.136 km bewertet und 2.981 Bauwerke beurteilt. Sowohl die Lebensräume und Korridore als auch die Durchlässigkeit der Straßenabschnitte wurden aus überregionaler und landesweiter Sicht bewertet und daraus ein Handlungskonzept für die Sicherung und Wiederherstellung des Biotopverbundes für Wildtiere abgeleitet. Das Konzept ermöglicht somit die kosteneffiziente Umsetzung von Maßnahmen wie den Bau von Querungshilfen an den aus landesweiter Sicht am besten geeigneten Stellen.

Bedarf an 65 Wildquerungshilfen aus landesweiter Sicht

Aus diesen Erkenntnissen leitet sich ein Bedarf an 65 Querungshilfen für große Wildtierarten in Bayern ab, um die Barrierewirkung an den wichtigsten Konfliktstellen an bestehenden Bundesfernstraßen zu mindern und Austauschbeziehungen von Wildtierpopulationen zuzulassen. Darüber hinaus wird ein Bündel an kleineren Maßnahmen vorgeschlagen, die insbesondere dem lokalen und regionalen Verbund dienen. Für die Umsetzung wird ein Zeitraum von 15 Jahren für die wichtigsten Maßnahmen und von 20-25 Jahren für Maßnahmen 2. Priorität vorgeschlagen, so dass die jährliche Belastung in einem Rahmen bleibt, der vertretbar erscheint. Gleichzeitig bietet das Konzept die Möglichkeit, bei künftigen Planungen von Straßen die Konfliktträchtigkeit bezüglich des Biotopverbundes abzuschätzen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu berücksichtigen.

Daten

Die in nachstehenden - ZIP-Archiven enthaltenen Geometie- und Sachdaten (Format SHP) stellen die Ergebnisse, die im Rahmen des „Konzepts zur Erhaltung und Wiederherstellung von bedeutsamen Wildtierkorridoren an Bundesfernstraßen in Bayern“ erarbeitet wurden, kartographisch dar. Zur Verarbeitung der SHP-Daten wird ein Geographisches Informationssystem (GIS) benötigt.

Daten zu modellierten Wildtierkorridoren in feinerer Auflösung (Widerstandswert 5), die für Detailanalysen hilfreich sein können, können beim LfU angefordert werden.