Wichtige Fragen der Gewässerbewirtschaftung in Bayern

Ein wichtiger Schritt hin zur flussgebietsweiten Bewirtschaftung ist die Identifizierung der für die Flussgebiete wichtigen Fragen der Gewässerbewirtschaftung. Die Grundlage hierfür bilden die Bestandsaufnahme, das laufende Monitoring der Oberflächengewässer und des Grundwassers sowie die Anhörung der Öffentlichkeit.

Im Fokus der wichtigen Fragen der Gewässerbewirtschaftung stehen Belastungen und Veränderungen der Gewässer, die auf große Teile des Flussgebiets wirken und somit von überregionaler Bedeutung sind. Bedeutsame und häufige Belastungen in den Flussgebieten Bayerns sind hydromorphologische Veränderungen sowie Belastungen der Gewässer mit Nährstoffen, in Einzelfällen auch mit Schadstoffen. Darüber hinaus gibt es Gewässerbelastungen mit nur lokalen oder regional begrenzten Auswirkungen. Sie zeigen somit auch die wasserwirtschaftlichen Handlungsschwerpunkte auf.

Im dritten Bewirtschaftungszeitraum wurden folgende wichtige Fragen der Gewässerbewirtschaftung in den Flussgebieten Bayerns identifiziert:

1. Hydromorphologische Veränderungen der Oberflächengewässer

Im Rahmen des Gewässerausbaus für Siedlungen, Industrie / Gewerbe, Landwirtschaft, Wasserkraft und Schifffahrt wurden besonders in den vergangenen 100 Jahren viele Flussläufe begradigt und verkürzt, die Ufer befestigt, die Auen trockengelegt beziehungsweise vom Gewässerlauf abgetrennt und Stauseen oder Talsperren errichtet. Diese Veränderungen der Gewässerstruktur und die damit verbundenen Störungen im Wasserhaushalt und der Abflussdynamik, werden unter dem Begriff hydromorphologische Veränderungen zusammengefasst. In der Gewässerstrukturkartierung wurden in Bayern die hydromorphologischen Veränderungen der größeren Fließgewässer erfasst und bewertet. Die wesentlichen hydromorphologischen Defizite sind:

  • eine Gewässerstruktur oberirdischer Gewässer, die vom natürlichen Zustand abweicht,
  • fehlende oder eingeschränkte Durchgängigkeit der Fließgewässer und
  • Störungen in Wasserhaushalt sowie Abflussdynamik in Flüssen und Bächen.

Ziel ist es daher, durch Verbesserung der Gewässerstrukturen, der Durchgängigkeit und des Wasserhaushalts, die ökologische Funktionsfähigkeit der Gewässer wiederherzustellen und nachhaltige aquatische Lebensräume zu schaffen.

Renaturierung des Mains bei Kemmern Bild vergrössern Renaturierung des Mains bei Kemmern

Unsere Oberflächengewässer zeichnen sich natürlicherweise durch eine ausgesprochen vielfältige Struktur aus: Der freie Lauf der Fließgewässer ist geprägt von einer engen Verzahnung von Fluss und Aue, Zonen unterschiedlicher Strömungsgeschwindigkeiten, durch die im Längsverlauf des Gewässers Feststoffe abgetragen und wieder angelandet werden, sowie unterschiedlichen Uferausprägungen. Dadurch entstehen unterschiedliche Lebensräume im und am Gewässer, die die Grundlage für verschiedene Lebensgemeinschaften von Tieren und Pflanzen bilden und von hoher Biodiversität geprägt sind. Aufgrund der vielfältigen Änderungen der Gewässerstruktur durch den Menschen (Begradigung, Aufstau, Verbauung der Gewässer und Befestigung der Ufer), gehen die typischen Lebensgemeinschaften und die Artenvielfalt am Gewässer verloren.

An vielen bayerischen Fließgewässern wird die Durchgängigkeit durch Querbauwerke (Wehre, Abstürze, Wasserkraftanlagen etc.) gestört oder ganz unterbunden. Dadurch ist die Durchwanderbarkeit der Gewässer und damit die Erreichbarkeit unterschiedlicher, räumlich getrennter Teilhabitate insbesondere für die Fischfauna vielfach beeinträchtigt. Zur Erreichung der Umweltziele der Wasserrahmenrichtlinie ist im Hinblick auf die Fische (als wichtige biologische Bewertungskomponente) die Verbesserung der Durchgängigkeit zur Vernetzung der Fließgewässer sowie die Herstellung von angemessenen Lebensräumen mit geeigneten Laichhabitaten und Aufwuchsgebieten eine wichtige wasserwirtschaftliche Aufgabe. Darüber hinaus ist das Thema Durchgängigkeit der Fließgewässer auch im Zusammenhang mit dem Transport von Feststoffen bzw. Sedimenten von Relevanz.

Die starken Eingriffe in die Gewässerstruktur durch den Menschen verursachen auch Störungen im Wasserhaushalt durch Veränderungen gewässertypischer Abflussverhältnisse (Abflusshöhe und -dynamik), dem Verlust von natürlichen Rückhalteräumen und Beeinträchtigungen natürlicher Verbindungen von Oberflächen- und Grundwasser. Um diese Störungen des Wasserhaushalts zu minimieren, sind ausreichende Mindestabflüsse bei Wasserentnahmen (z. B. zum Zwecke der Bewässerung) und bei Ausleitungen (z. B. für die Wasserkraftnutzung) vorgesehen. Auch ist der sogenannte hydraulische Stress durch starke Änderungen der Wasserführung bei Kraftwerksbetrieb, Abflussspitzen und Stoßeinleitungen durch einschlägige Maßnahmen zu verringern.

2. Belastungen der Gewässer durch Nähr- und Schadstoffe sowie Bodenmaterial

Eine erhöhte Konzentration von Nährstoffen in oberirdischen Gewässern führt in langsam fließenden oder stehenden Gewässerabschnitten zu verstärktem Algenwuchs, Trübung, Sauerstoffzehrung und einer Veränderung der Zusammensetzung der typischen Gewässerflora und -fauna. Eine Folge ist, dass die Gewässer ihre natürliche Funktion nicht mehr erfüllen und den von der Wasserrahmenrichtlinie angestrebten guten Zustand nicht erreichen können. Gelangen Nährstoffe vermehrt in das Grundwasser, wird dieses langfristig belastet und seine Nutzbarkeit sowie seine Funktionsfähigkeit im Naturhaushalt eingeschränkt.

Algmatten an der Aischquelle Bild vergrössern Algmatten an der Aischquelle

Die Eintragspfade von Nährstoffen in die Gewässer sind unterschiedlich. Das Grundwasser wird hauptsächlich durch den Eintrag von Nitrat belastet. Bei den Belastungen der Oberflächengewässer spielen sowohl Phosphor als auch Stickstoffverbindungen eine maßgebliche Rolle; entweder durch diffuse Einträge (zum Beispiel Abschwemmung des Bodens von angrenzenden Flächen, Infiltration von belastetem Grundwasser) oder durch punktuelle Einträge (zum Beispiel unzureichend gereinigtes Abwasser aus Kläranlagen). In den vergangenen Jahrzehnten wurden erhebliche Investitionen zur Erhöhung des Anschlussgrades an Kläranlagen und zur Verbesserung der Reinigungsleistung getätigt und zusätzliche Anstrengungen zur Reduzierung der Stickstoff- und Phosphoreinträge unternommen. Hierzu zählt zum Beispiel die Einführung phosphatfreier Waschmittel.

Aufgrund der Erfolge bei der Reduzierung der punktuellen Einträge treten die diffusen Einträge in die Oberflächengewässer bezüglich der Nährstoffbelastungen prozentual mehr in den Vordergrund. Hierbei zeigen die Ergebnisse aus der Bestandsaufnahme, dass insbesondere in Nordbayern sowie in Südostbayern ein erhöhter Eintrag von Stickstoff in Fließgewässer, Seen und Grundwasser festzustellen ist.
Aufgrund der geringen Niederschläge in Nordbayern bewirken vergleichsweise geringe Stickstoff-Überschüsse hohe Nitratkonzentrationen im Sickerwasser, die in der Konsequenz zu einer höheren Belastung des Grundwassers führen können. Phosphor gelangt vor allem durch Erosion von Bodenmaterial in Fließgewässer und Seen. Nach der Berechnung von "Erosionspotenzialen" zeigt sich, dass vor allem in Unterfranken sowie in Südostbayern aufgrund der vorwiegend ackerbaulichen Nutzung und des hohen Anteils erosionsanfälliger Kulturen mit höheren Einträgen zu rechnen ist.

Neben dem Eintrag von Phosphor hat auch der Eintrag von Bodenmaterial und Feinsedimenten, die durch Bodenabtrag (Erosion) insbesondere bei Starkregenereignissen in die Oberflächengewässer gelangen, negative Auswirkungen auf die Gewässer. Er kann zu einer Verschlammung der Gewässersohle führen, wodurch wichtige Lebensräume (Laichplätze, Rückzugsräume) verloren gehen.

Die Belastung der Gewässer mit Schadstoffen aus Punktquellen und diffusen Quellen, die das Erreichen der Ziele nach Wasserrahmenrichtlinie verhindern könnten, wurde ebenfalls als wichtige Wasserbewirtschaftungsfrage identifiziert. Bereits geringe Konzentrationen von Schadstoffen in Oberflächengewässern können toxische Wirkungen auf im Wasser lebende Tiere und Pflanzen haben. Schadstoffbelastungen im Grundwasser sind auch hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zu verhindern, da Grundwasser in Bayern die wichtigste Trinkwasserressource ist. In der Wasserrahmenrichtlinie kommt deshalb den Schadstoffen bei der Beschreibung des ökologischen und chemischen Zustandes der Oberflächengewässer und des chemischen Zustands des Grundwassers eine besondere Bedeutung zu.

Für die Beurteilung des chemischen Zustandes der Oberflächengewässer sind im Wesentlichen die EU-weit festgelegten "prioritären Stoffe" entscheidend. Anhand EU-weit gültiger ökotoxikologisch abgeleiteter Grenzwerte (Umweltqualitätsnormen) ist zu beurteilen, ob der gute chemische Zustand erreicht ist.

Für den ökologischen Zustand sind neben biologischen und unterstützenden hydromorphologischen Qualitätskomponenten spezifische Schadstoffe maßgebend, die negative Auswirkungen auf Gewässerorganismen haben. Die spezifischen Schadstoffe, einschließlich der jeweils einzuhaltenden Umweltqualitätsnormen, legen die Mitgliedsstaaten entsprechen den Vorgaben der Wasserrahmenrichtlinie selbst fest. Wird bei einem dieser Schadstoffe die Umweltqualitätsnorm nicht eingehalten, ist der gute ökologische Zustand nicht erreicht.

Insgesamt wurden im Monitoring in Bayern nur wenige Überschreitungen der Qualitätsnormen festgestellt. Überschreitungen ergaben sich für die Stoffgruppen der Schwermetalle und Pflanzenschutzmittel sowie wenige organische Spurenstoffe.

3. Berücksichtigung der Folgen des Klimawandels

Lang- und mittelfristige Veränderungen von Temperatur und Niederschlag beeinflussen deutlich das Abflussregime in den Flüssen, das Auftreten von Extremereignissen (Hochwasser, Trockenheit), aber auch den Landschaftswasserhaushalt und die Grundwasserneubildung. Infolgedessen wirken sich die klimatischen Änderungen auch auf den ökologischen und chemischen Zustand der Oberflächengewässer sowie den mengenmäßigen und chemischen Zustand des Grundwassers aus. Die Folgen des Klimawandels und die notwendige Anpassung daran sind wichtige Fragen der Umweltpolitik und Inhalt von Anpassungsstrategien.

Die Auswirkungen des Klimawandels können zwar innerhalb eines Flussgebiets regional variieren, Anpassungen an den Klimawandel erfordern jedoch ein gemeinsames strategisches Handeln. Hierzu sind abgestimmte wasserwirtschaftliche Maßnahmen zur Verbesserung des Zustands der Gewässer nötig, die oft einen langfristigen Charakter besitzen. Bei der Auswahl dieser Maßnahmen sollten alle potentiellen Auswirkungen des Klimawandels und die ggf. in Folge des Klimawandels veränderte Wirksamkeit von Maßnahmen, berücksichtigt werden. Um den zu erwartenden Einfluss von Klimaänderungen auf die Maßnahmen abzuschätzen, werden diese einem "Klima-Check" unterzogen. Dabei werden sie auch hinsichtlich ihrer Robustheit gegenüber den Veränderungen bewertet und in Bezug auf die Wirkung als nachhaltige Anpassungsmaßnahme mit Stärkung der Resilienz des Gewässerökosystems beurteilt.

Durch die Folgen des Klimawandels sowie die Anpassung durch geeignete Gewässerschutzmaßnahmen, können Zielkonflikte mit anderen Sektoren auftreten. Hierzu zählen u.a. Nutzungskonflikte zwischen Umwelt- bzw. Gewässerschutz und Energieerzeugung (z. B. bei Wasserkraft oder der Nutzung von Kühlwasser für Kraftwerke) oder Landwirtschaft (z. B. bei der Bewässerung landwirtschaftlich genutzter Flächen).