Bayerische Hochwasserschutzstrategie

Als unmittelbare Antwort auf das Pfingsthochwasser 1999 wurde das "Hochwasserschutz-Aktionsprogramm 2020 – für einen nachhaltigen Hochwasserschutz in Bayern" (AP2020) in Form einer integralen bayernweiten Schutzstrategie konzipiert und seitdem mit Erfolg umgesetzt. Nach dem Hochwasser 2013 wurde diese Strategie weiterentwickelt und im Hochwasserschutz-Aktionsprogramm 2020plus (AP2020plus) konsequent fortgeführt

Seit 2021 ist der nachhaltige Hochwasserschutz eine Säule des Bayerischen Gewässer-Aktionsprogramms 2030 (PRO Gewässer 2030), Bayerns neuer integraler Strategie für Hochwasserschutz und Gewässerentwicklung.

Bayerisches Gewässer-Aktionsprogramm 2030

Drohnenaufnahme der renaturierten Iller bei Fischen. Die Iller wurde auf einer Länge von ca. 2,2 Kilometer aufgeweitet. Illeraufweitung in der Nähe von Fischen, Allgäu

Die Erkenntnisse aus den Vorläuferprogrammen mit mehr als 20 Jahre intensiverten Hochwasserschutzaktivitäten der bayerischen Wasserwirtschaftsverwaltung sind ebenso in PRO Gewässer 2030 eingeflossen wie die Erfahrungen aus den folgeschweren lokalen Hochwasserereignissen der letzten Jahre.

PRO Gewässer 2030 beinhaltet aber nicht nur die bayerische Hochwasserschutzstrategie, sondern als gleichberechtigte zweite Säule auch solche Maßnahmen, die die ökologische Funktion unserer Gewässer stärken, insbesondere auch die notwendigen hydromorphologischen Maßnahmen zum Erreichen der Ziele nach der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL), und zusätzlich die Lebensräume durch die Gewässer als zentrale Biodiversitätsachsen vernetzen. Außerdem wird der Sozialfunktion der Gewässer mit dem neuen Aktionsprogramm mehr Bedeutung geschenkt werden, da Gewässerräume für den Menschen wichtige naturnahe Rückzugsräume der Erholung, Freizeitgestaltung und Begegnung sind.

PRO Gewässer 2030 besteht aus drei Säulen mit folgenden fachlichen Themenschwerpunkten:

  • Säule I – Hochwasserschäden vorbeugen (Hochwasserschutz): Nachhaltiger Schutz vor Hochwasser und Sturzfluten (= Fortführung von AP2020 und AP2020plus) sowie Stärkung von natürlichem Rückhalt und Eigenvorsorge,
  • Säule II – Flüsse, Bäche, Auen renaturieren (Ökologie): Erhaltung bzw. Wiederherstellung der ökologischen Funktionsfähigkeit der Gewässer und Auen sowie Vernetzung und naturschutzfachliche Aufwertung ihrer Lebensräume,
  • Säule III – Erlebnisse und Erholung schaffen (Sozialfunktion): Steigerung der Erholungsfunktion und Erlebbarkeit der Gewässer durch begleitende Gestaltungsmaßnahmen sowie durch Verbesserung der umweltverträglichen Zugänglichkeit.

Im PRO Gewässer 2030 werden Programme und Maßnahmen zum Hochwasserschutz, zur Verbesserung der Ökologie der Gewässer und Auen, zur Lebensraumvernetzung und Artenvielfalt sowie zur Stärkung der Sozialfunktion der Gewässer zusammengefasst – insbesondere die Maßnahmen zur Umsetzung der Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie (HWRM-RL), der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL), der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) sowie der Vogelschutz-Richtlinie (VS-RL). Das übergeordnete Ziel des PRO Gewässer 2030 ist eine bestmögliche Zielerreichung in allen drei Säulen durch Nutzung von Synergien. Jährlich fließen 200 Millionen Euro in das bis ins Jahr 2030 ausgelegte Programm.

Säule I – Hochwasserschäden vorbeugen

Die wesentlichen Ziele der Säule I sind die Vermeidung neuer Risiken, die Verringerung bestehender Risiken sowie die Reduktion nachteiliger Folgen während und nach einem Hochwasser.

  • Handlungsfeld Vermeidung: Die Flächenvorsorge ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil des Hochwasserschutzes. Ein wesentlicher Baustein ist die Ermittlung und Festsetzung von Überschwemmungsgebieten.
  • Handlungsfeld Schutz – natürlicher Rückhalt: Durch eine Förderung des Rückhalts in der Fläche sowie des natürlichen Rückhalts in den Gewässern und Auen kann auf die Hochwasserentstehung positiv eingewirkt sowie der Hochwasserschutz bei kleinen Ereignissen verbessert werden.
  • Handlungsfeld Schutz – technischer Hochwasserschutz: Der Neubau von "klassischen" technischen Hochwasserschutzanlagen, wie Rückhaltebecken, Deichen, Wänden oder mobilen Elementen ist unverzichtbar für den Schutz vor 100-jährlichen oder selteneren Ereignissen).
Luftaufnahme von Hofkirchen bei einem Hochwasser der Donau. Die Hochwasserschutzanlagen verhindern eine Überschwemmung des bebauten Bereichs. Hochwasserschutz an der Donau in Hofkirchen
  • Handlungsfeld Vorsorge: Nicht nur der Staat kann Maßnahmen zum Schutz vor Hochwasser ergreifen. Auch die Kommunen und jeder einzelne Bürger kann in seinem Bereich vorsorgend tätig werden. Wichtig ist es, mögliche Betroffene für den Umgang mit Hochwasserrisiken zu sensibilisieren und das Risikobewusstsein zu erhöhen.
  • Handlungsfeld Bewältigung und Nachsorge: Eine gezielte Nachsorge schafft Grundlagen und liefert Informationen, mit denen die Vorbereitung auf zukünftige Hochwasserereignisse verbessert werden.

Säule II – Flüsse, Bäche, Auen renaturieren

Die Säule II behandelt den Schutz und die Entwicklung ökologisch funktionsfähiger Fließgewässer und Auen. Inhaltlich setzt PRO Gewässer 2030 auf die bestehenden Aktivitäten zur Umsetzung der WRRL auf, geht aber in qualitativer und räumlicher Hinsicht darüber hinaus und schafft einen ökologischen Mehrwert.

  • Handlungsfeld Wasserhaushalt: Ein möglichst naturnaher Wasserhaushalt ist eine Voraussetzung für die ökologische Funktionsfähigkeit von Gewässern und Auen und somit eine wesentliche Randbedingung für die ökologische Wirksamkeit von baulichen Renaturierungsmaßnahmen.
  • Handlungsfeld Durchgängigkeit: Maßnahmen zur Wiederherstellung der biologischen Durchgängigkeit – mit Fokus auf den Fischaufstieg – werden seit vielen Jahren von den Wasserwirtschaftsämtern (soweit zuständig) und im Bereich von Anlagen durch die Anlagenbetreiber umgesetzt, verstärkt seit Inkrafttreten der WRRL.
  • Handlungsfeld Gewässerstruktur: Dieses Handlungsfeld ist in die drei Bereiche Habitatverbesserung, Auenentwicklung und Sonstige untergliedert. Zentraler Inhalt ist die Umsetzung von Maßnahmen zur Verbesserung des hydromorphologischen Zustands gemäß WRRL (vgl. Abbildung: Auwald an einem seitlichen Zufluss zur Amper).
  • Handlungsfeld Vernetzungsfunktion und Artenvielfalt: Naturnahe Fließgewässer und Auen sind wesentliche Bestandteile der Lebensraumraumvernetzung in der Kulturlandschaft und leisten einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Artenvielfalt. Sie bilden zentrale Achsen der Biodiversität.
Luftaufnahme senkrecht von oben, natürlicher, mäandrierender und verzweigten Gewässerlauf. Etliche umgestürzte Bäume sind als Totholz im und am Gewässer belassen worden. Auwald an einem seitlichen Zufluss zur Amper

Säule III – Erlebnisse und Erholung schaffen

Eine systematische und programmatische Behandlung der Sozialfunktion von Gewässern und Auen erfolgt mit der Säule III zum ersten Mal in Bayern. Der Fokus liegt auf der Erlebbarkeit der Gewässer und Auen sowie ihrer Nutzung für naturverträgliche Formen der Erholung. Maßnahmen zur Förderung der Erlebbarkeit und Erholung erfolgen stets in Verknüpfung mit Projekten aus den beiden anderen Säulen.

  • Strategisch-konzeptionelle Maßnahmen: Ziel dieser Maßnahmen ist es, die Erholungsnutzung am Gewässer naturverträglich zu lenken sowie die Verantwortung der Erlebnis- und Erholungssuchenden gegenüber der Natur bewusst zu machen.
  • Bauliche Maßnahmen: Hierzu gehören sämtliche Maßnahmen am Gewässer, die das Verweilen und Erleben fördern, wie beispielsweise die Schaffung von Gewässerzugängen oder das Einrichten von Gewässer-Lehrpfaden.
Informationstafel am Rand eines Gewässers. Flößerei-Lehrpfad an der renaturierten Rodach