Flutpolder in Bayern

Ein Flutpolder ist ein eingedeichtes Gebiet mit geringem Schadenpotenzial, das bei sehr großen Hochwasserereignissen als Rückhalteraum dient. Die Flutung kann über feste Überlaufstrecken (ungesteuerte Flutpolder) oder gesteuerte Einlaufbauwerke (gesteuerte Flutpolder) erfolgen. Flutpolder sollen in Bayern dazu eingesetzt werden, die Sicherheit unterhalb liegender technischer Hochwasserschutzanlagen zu erhöhen. Dies gilt besonders bei Abflüssen, die das Bemessungshochwasser überschreiten, damit im Überlastfall noch Handlungsoptionen verbleiben. Hierbei werden die in der Regel nur land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen im Flutpolder geflutet, um die Gefahr eines unkontrollierten Versagens von Hochwasserschutzanlagen wie z. B. Deichen im Unterlauf des Gewässers zu vermindern. Die durch die Flutung entstehenden Schäden an Land- und Forstwirtschaft werden vollumfänglich ersetzt. Bei gesteuerten Flutpoldern kann die Flutung gezielt geschehen, kurz bevor die Hochwasserwelle ihre Spitze erreicht. Auf diese Weise lassen sich Hochwasserscheitel effektiv reduzieren. Bei sinkenden Pegeln wird die zurückgehaltene Wassermenge dann wieder in den Fluss abgegeben.

Gesteuerte Flutpolder können den Ausschlag geben, wenn es darauf ankommt, die Wasserstände um die entscheidenden Zentimeter zu reduzieren.



Standort des Flutpolders Riedensheim an der Donau. Luftbild auf dem die Ausmaße des sich derzeit im Bau befindlichen Flutpolders Riedensheim zu sehen sind.Bild vergrössern Standort des Flutpolders Riedensheim; Foto: Wasserwirtschaftsamt Ingolstadt

In Bayern ist der gesteuerte Flutpolder Weidachwiesen an der Iller oberhalb der Stadt Kempten fertiggestellt und seit 2007 in Betrieb. Der vom WWA Ingolstadt geplante Flutpolder Riedensheim an der Donau ist seit Frühjahr 2015 im Bau. Für den Flutpolder Feldolling an der Mangfall wurde im Dezember 2014 der Planfeststellungsbeschluss durch die zuständige Regierung von Oberbayern erteilt und am 22.12.2017 ein ergänzender Planfeststellungsbescheid erlassen. Das WWA Rosenheim erstellt derzeit die Ausführungsplanung. Die beiden Flutpolder Katzau (WWA Ingolstadt) und Öberauer Schleife (WWA Deggendorf) an der Donau sind positiv raumgeordnet und befinden sich in der Vorbereitung für das Planfeststellungsverfahren. Weitere geplante Standorte, die derzeit noch in früheren Planungsstadien sind, befinden sich an Donau, Inn und Main.

Flutpolder an der Donau

Entlang der Donau sind weitere Flutpolderstandorte vorgesehen, um dort die Risiken einer Überlastung der Hochwasserschutzanlagen zu vermindern. Im Auftrag der bayerischen Wasserwirtschaftsverwaltung wurden hierzu mehrere Studien erstellt, die im Rahmen der „Bedarfsermittlung“ zusammengefasst sind.

Weiteres Vorgehen für die Realisierung der Flutpolder an der Donau. Schematische Darstellung des Vorgehens bei der Realisierung von Flutpoldern in Bayern: Planungsschritte Vorläufige Sicherung, Vorplanung, Raumordnungsverfahren, Detailplanung, Planfeststellungsverfahren und Bau mit jeweiliger Zuordnung der an der Donau geplanten Flutpolderstandorte, wobei im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern im November 2018 beschlossen wurde, die Standorte Bertoldsheim, Eltheim und Wörthhof nicht weiter zu verfolgen. Bild vergrössern Verfahrensstand der potenziellen Flutpolder an der Donau

In der Studie "Verzögerung und Abschätzung von Hochwasserwellen entlang der bayerischen Donau" (2012) wurde durch die Technische Universität München, Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft, zunächst in einer historischen Betrachtung ein Vergleich des Donauzustands von 1800 mit dem heutigen Zustand vorgenommen. Mit Hilfe umfangreicher Computersimulationen wurden die Veränderungen an der Donau, insbesondere der Verlust von Retentionsräumen durch Deich- und Dammbauten, untersucht. Anschließend wurden die Auswirkungen des Retentionsraumverlusts auf den Hochwasserabfluss ermittelt. Ausgehend vom historischen Überschwemmungsgebiet wurden mögliche Flutpolderstandorte identifiziert sowie deren örtliche und überörtliche Wirkung entlang der gesamten bayerischen Donau nachgewiesen [Bedarfsermittlung Anhang 1].

In der auf der TUM-Studie von 2012 aufbauenden "Vertieften Wirkungsanalyse" (2017) wurde von der TU München neben ergänzenden Untersuchungen, wie Kombinationswirkungsanalysen sowie Einzelwirkungsanalysen neu hinzugekommener Flutpolderstandorte, eine Priorisierung der möglichen Standorte hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Hochwasserrückhalt vorgenommen. Damit sollte eine Entscheidungsgrundlage für die Umsetzung des Bayerischen Flutpolderprogramms geliefert werden [Bedarfsermittlung Anhang 2, Teil 1].

Im Rahmen des "Hochwasserdialogs Bayern" wurden ab Anfang 2015 für alle geplanten Standorte entlang der Donau Diskussionsveranstaltungen mit den Bürgerinnen und Bürgern in den jeweiligen Regionen durchgeführt. Zusätzlich wurden für weiter zu verfolgende Flutpolderstandorte Workshops und Arbeitskreise zu den Themenbereichen Grundwasser, Infrastruktur, Landwirtschaft und Naturschutz durchgeführt, deren Ergebnisse in die weitere Planung mit einfließen sollen. Dabei waren insbesondere die Raumplanung, aber auch Fragen nach Sekundärschäden und sog. Kaskadeneffekten als Folgen sehr großer Hochwasserereignisse viel diskutiert. Aus diesem Grund wurde von Prof. Dr. Greiving (Technische Universität Dortmund, Fakultät für Raumplanung) eine zusammenfassende Darstellung der Themen Raumplanung und Siedlungsentwicklung im Zusammenhang mit den geplanten Flutpoldern an der Donau erstellt (2016) [Bedarfsermittlung Anhang 5].

Für den Donauabschnitt Iller- bis Lechmündung wurde im Rahmen einer Bedarfsplanung (2017) das Gesamtkonzept „Hochwasserschutz-Aktionsprogramm Schwäbische Donau“ entwickelt, indem aus dem für das Projektgebiet ermittelten Schadenpotenzial bei Hochwasserereignissen regionale Projektziele abgeleitet wurden. Potentielle Flutpolderstandorte wurden umfassend priorisiert und darauf aufbauend mehrere Lösungsansätze untersucht und miteinander verglichen [Bedarfsermittlung Anhang 3].

Um einheitliche Planungsgrundlagen an der gesamten bayerischen Donau herzustellen, wurde analog zu dieser Bedarfsplanung auch im Donauabschnitt Lechmündung bis Landesgrenze das Schadenpotenzial für verschiedene hydrologische Szenarien ermittelt (2017) [Bedarfsermittlung Anhang 4].

Im Zuge der Alternativenprüfung wurden von der TU München im Rahmen der „Vertieften Wirkungsanalyse“ (2017) die Potenziale einer optimierten Bewirtschaftung der Staustufen an der Donau bei Hochwasser untersucht [Bedarfsermittlung Anhang 2, Teil 2].

Ebenfalls im Rahmen der Alternativenprüfung wurden die Auswirkungen kleinerer im Einzugsgebiet der geplanten Flutpolder verteilten Retentionsmaßnahmen untersucht (2018). Dafür wurde ein Überblick über an den Donauzuflüssen bereits durchgeführte Untersuchungen und umgesetzte Maßnahmen erstellt (Teil 1). Im Rahmen des Hochwasserdialogs wurde seitens der Bevölkerung vielfach vorgeschlagen, das Hochwasserrisiko an der Donau mit vielen im gesamten Donaueinzugsgebiet verteilten Hochwasserrückhaltebecken anstelle von gesteuerten Flutpoldern zu reduzieren. Es wurde daher die Wirkung fiktiver Rückhaltebecken an den Zuflüssen mit der Wirkung der an der Donau geplanten Flutpolder verglichen (Teil 2) [Bedarfsermittlung Anhang 6].

Untersuchungen an anderen bayerischen Gewässern

An Main, Inn und Unterer Iller werden ebenfalls Studien zur Identifikation von geeigneten Standorten durchgeführt.