Ereignisse im Landkreis Rottal-Inn am 1. Juni 2016

Der Landkreis Rottal-Inn und speziell die Stadt Simbach am Inn waren bei den Hochwasserereignissen 2016 am stärksten betroffen. Sieben Todesopfer waren zu beklagen und hohe materielle Schäden zu verzeichnen. Das Abflussgeschehen in Simbach war sehr komplex. Unter anderem das Versagen eines Straßendammes, der Bruch eines Hochwasserschutzdeiches und immense Feststoffmengen (Geschiebe und Holz) warfen zahlreiche Fragen auf.

Zur Dokumentation und Analyse der Ereignisse am 1. Juni 2016 im Landkreis Rottal-Inn wurde vom Bayerischen Landesamt für Umwelt ein Auftrag an die Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien vergeben. Das Ziel des Auftrags, die Vorgehensweise der BOKU sowie die wesentlichen Ergebnisse sind im Folgenden kurz zusammen gefasst.

Titel der Untersuchung

Dokumentation und Analyse der Hochwasserereignisse im Landkreis Rottal-Inn am 01. Juni 2016

Auftraggeber

Bayerisches Landesamt für Umwelt, Augsburg

Auftragnehmer

Universität für Bodenkultur (BOKU), Institut für Alpine Naturgefahren, Wien

Laufzeit

Juni 2016 bis Juni 2017

Ziel

Der Umgang mit Naturgefahren (beispielsweise Hochwasser) erfordert eine sorgfältige Analyse und Bewertung der Gefahren und Risiken. Ein wichtiger Baustein hierfür ist die Analyse früherer Ereignisse, unter anderem basierend auf Dokumenten oder Zeugenaussagen. In vielen Fällen sind Informationen über frühere Ereignisse nur noch in der Erinnerung lokaler Experten und Einwohner vorhanden. Die Dokumentation von abgelaufenen Ereignissen stellt somit eine wichtige Aufgabe dar. Folgende Ziele werden damit verfolgt:

  • Plausibilisieren von künftigen Planungen und Berechnungen
  • Validierung von Modellen
  • Abschätzen der Frequenz von Gefahrenprozessen
  • Hinweise für die Notfall- und Einsatzplanung bei zukünftigen Ereignissen
  • Schärfen des Risikobewusstseins in der Bevölkerung

Die im Rahmen einer Ereignisdokumentation gewonnenen Messwerte (z.B. Niederschlagsmengen, Wasserstandshöhen) werden stets auf Plausibilität geprüft. Auf Grundlage anderer stichhaltiger Informationen können zusätzliche Werte durch eine nachträgliche Abschätzung ermittelt werden. Zeugenaussagen liefern wertvolle Informationen, werden aber auch immer kritisch hinterfragt. Jeder Beobachter nimmt ein Ereignis unter den besonderen, nicht alltäglichen Umständen unterschiedlich wahr. Die einzelnen Aussagen unterschiedlicher Personen werden daher zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammengeführt und mit den vorhandenen Daten in Einklang gebracht.

Vorgehensweise

Die Universität für Bodenkultur sammelte zunächst alle verfügbaren Daten und Informationen zu den Ereignissen. Hierzu wurden auch die betroffenen Gebiete begangen und Augenzeugen systematisch zum Ereignishergang befragt. Insbesondere der zeitliche Ablauf der Ereignisse stand im Fokus der Interviews. Alle Daten (1990 Fotos, 78 Videos, 254 Wasserstandshöhen, 61 Befragungen, etc.) wurden einer Qualitätsprüfung unterzogen und strukturiert in ein Datenmanagementsystem eingepflegt. Für Simbach wurde anhand der Summe an Informationen versucht, die einzelnen Ereignisphasen zeitlich und räumlich abzugrenzen, um so den äußerst komplexen Ereignisablauf zu rekonstruieren.

Ergebnisse

Ursachen

Die Untersuchungen der BOKU Wien bestätigen, dass in Simbach aufgrund des außergewöhnlichen Starkregens ein extremes Hochwasser (Abfluss größer HQ1000) abgelaufen ist. Ursächlich dafür waren die hohen Niederschlagsmengen (rund 180 Millimeter vom 31. Mai bis 1. Juni), die auf die bereits vorgesättigten Böden fielen. Ein großer Teil des Niederschlags kam – unabhängig von der Bodennutzung – zum Abfluss an der Geländeoberfläche. Die Niederschlagszelle verweilte sehr lange über dem Einzugsgebiet und bewegte sich zudem entlang des Fließweges in Richtung der Stadt. Diese Umstände sind als äußerst ungünstig anzusehen und führten zu einer in dieser Dimension noch nicht bekannten, sehr schnellen Abflusskonzentration.

Folgen

Die Folge war ein extremer Hochwasserabfluss, der auf die Stadt Simbach zulief. Das Wasser führte zudem große Mengen Feststoffen mit sich. Am Straßendamm der Schulstraße staute sich das Wasser zunächst, da der vorhandene Durchlass nicht die gesamte Wassermenge ableiten konnte. Es bildete sich ein Stausee. Der massive Straßendamm wurde im weiteren Verlauf überströmt, erodierte und versagte schließlich. Die Entleerung des Stauraums führte zu einer Verstärkung der Abflussspitze. Auch am Straßendamm der Bundesstraße B12, die den Simbach weiter unterstrom quert, bildete sich ein Stauraum. Die B12 wurde ebenfalls überflutet. Da dieser Straßendamm dem Überströmen standhielt, wird von einer dämpfenden Wirkung auf die Hochwasserspitze ausgegangen.

Die vorhandenen Hochwasserschutzanlagen im Ortsbereich waren bei diesem Extremereignis völlig überlastet: An der Pegelstelle in Simbach hat das bestehende Bachgerinne eine Tiefe von circa drei Metern. Am 1. Juni 2016 wurde hier ein maximaler Wasserstand von 5,06 Metern gemessen. Die Abflussspitze am Pegel lag bei rund 280 bis 300 Kubikmetern pro Sekunde. Das Gerinne des Simbachs im Ort ist vergleichsweise auf einen Bemessungsabfluss von 60 Kubikmetern pro Sekunde plus Freibord ausgelegt. Die Stadt Simbach wurde großflächig überschwemmt. Verschärfend kam hinzu, dass der Deich an der Wilhelm-Dieß-Straße überströmt wurde und auf der nordöstlichen Seite brach. Das mitgeführte Schwemmholz führte an mehreren Stellen zu Verklausungen.

Durch das Überströmen der Hochwasserschutzeinrichtungen sammelten sich in den Poldern Simbach (westlich des Simbachs) und Erlach (östlich) zusammen über zwei Millionen Kubikmeter Wasser. Aufgrund der Stauhaltungsdämme entlang des Inns konnte das Wasser nicht in den Inn abfließen. Dieser führte kein Hochwasser. Die zur Binnenentwässerung vorgesehenen Schöpfwerke waren mit den extremen Wassermassen überfordert. Um für Entlastung zu sorgen, wurde der Stauhaltungsdamm an einer Stelle provisorisch geöffnet.

Fazit

Durch die Analyse der BOKU Wien konnte das komplexe Abflussgeschehen in Simbach am 1. Juni 2016 gut rekonstruiert werden. Auch die zentralen Fragen konnten durch zahlreiche Vergleichsberechnungen beantwortet werden: Auch wenn das Dammversagen an der Schulstraße zu einer Verstärkung der Hochwasserwelle geführt hat, hätten die wesentlichen Schadensprozesse im Ortsbereich auch ohne das Dammversagen stattgefunden – wenn gleich mit etwas geringerer Intensität. Durch den Bruch des Hochwasserschutzdeiches an der Wilhelm-Dieß-Straße wurde der Polder Erlach mit rund 0,5 Millionen Kubikmetern zusätzlich beaufschlagt.