20 Jahre Hochwasserschutz-Aktionsprogramme in Bayern

Das Pfingsthochwasser 1999 war in Bayern eines der größten Hochwasserereignisse der vergangenen 100 Jahre. Neben den hohen Sachschäden forderte das Hochwasser auch fünf Menschenleben. Besonders große Betroffenheit rief der Dammbruch bei Neustadt an der Donau hervor. 2019 jährt sich dieses Ereignis zum 20. Mal. Die bayerische Wasserwirtschaftsverwaltung hat die Anstrengungen zum Schutz der Menschen vor Hochwasser nach dem Ereignis mit großem fachlichen Engagement und unter Einsatz erheblicher Haushaltsmittel intensiviert.

Hochwasserschutz Aktionsprogramm 2020

Als unmittelbare Antwort auf das Pfingsthochwasser 1999 wurde das "Hochwasserschutz Aktionsprogramm 2020 – für einen nachhaltigen Hochwasserschutz in Bayern" in Form einer integralen bayernweiten Schutzstrategie konzipiert und seitdem mit Erfolg umgesetzt. Dabei wurden insgesamt 2,3 Milliarden Euro (Laufzeit: 20 Jahre, 115 Millionen Euro pro Jahr) für die Umsetzung von Maßnahmen in drei Handlungsfeldern zur Verfügung gestellt:

  • Natürlicher Rückhalt:
    Maßnahmen in der Fläche sowie in den Auen und Gewässern, welche das Wasser z.B. durch Förderung der Versickerungsfähigkeit von Böden gar nicht erst zum Abfluss gelangen lassen oder den Abfluss z.B. durch erhöhte Oberflächenrauheit in Landschaft und Aue verzögern.
  • Technischer Hochwasserschutz:
    Technische Schutzmaßnahmen wie Deiche, Mauern, Rückhaltebecken oder Umleitungsbauwerke als effektiver Schutz für Menschen und Sachwerte insbesondere bei großen Hochwasserereignissen.
  • Hochwasservorsorge:
    Weitere vielfältige Maßnahmen wie z.B. das Freihalten gefährdeter Gebiete, angepasste Bauweisen oder die Erstellung von Einsatz- und Katastrophenplänen, um mögliche Schäden im Vorfeld effektiv zu reduzieren oder neue Schadenspotenziale zu vermeiden.
Bild zu den drei vorher beschiebenen Feldern. Erläuterung in der vorhergehenden Aufzählung. Handlungsfelder des Aktionsprogramms 2020

Hochwasserschutz Aktionsprogramm 2020plus

Luftbild von Überschwemmungen Hochwasser in Deggendorf-Fischerdorf

Die Investitionen seit 1999 haben bei späteren Hochwasserereignissen weit größere Schäden verhindert. Dennoch waren die Schäden – wie zum Beispiel beim Junihochwasser 2013 – erheblich.

Als Konsequenz wurde im Jahr 2013 das Aktionsprogramm 2020 zum Hochwasserschutz Aktionsprogramm 2020plus (AP 2020plus) weiterentwickelt, um den Schutz der Menschen in Bayern effizienter zu gestalten und das Schadenspotenzial weiter zu senken. Dafür wurden die finanziellen Mittel auf 3,4 Milliarden Euro aufgestockt.

Das AP 2020plus verbindet die drei Handlungsfelder des Aktionsprogramms 2020 mit dem Kreislauf des Hochwasserrisikomanagements, welcher in die vier Hauptbereiche unterteilt werden kann:

  • Vermeidung
  • Schutz (natürlicher Rückhalt und technischer Hochwasserschutz)
  • Vorsorge
  • Nachsorge
Kreisförmige Darstellung bei einem Hochwasserereignis: Schutz, Vermeidung, Nachsorge, Vorsorge liegt um Technischer Hochwasserschutz, Natürlicher Rückhalt. Im Zenrum 2020plus. Die Grafik für das Aktionsprogramm 2020plus vereint die frühere Segmentdarstellung des Aktionsprogramms 2020 und den Kreislauf des Risikomanagements

Das AP 2020plus führt damit das AP 2020 konsequent weiter. Betrachtet werden auch Extremereignisse (Überlastfall). Diese übersteigen das Bemessungsereignis, das z.B. zur Dimensionierung von Deichen herangezogen wird. Neben vielfältiger Vorsorgemaßnahmen sollen durch die Planung resilienter Schutzsysteme und das Bayerische Flutpolderprogramm (Teil des "Erweiterten Rückhaltekonzepts") die negativen Auswirkungen bei solch extremen Ereignissen möglichst geringgehalten werden.

Bayerisches Gewässer-Aktionsprogramm 2030

Das AP 2020plus wird bis 31.12.2020 mit einem jährlichen Finanzvolumen von 150 Millionen Euro fortgesetzt. Aber auch nach 20 Jahren intensiver Hochwasserschutzaktivitäten wird es weiteren Handlungsbedarf geben. Die bayerische Wasserwirtschaftsverwaltung hat deshalb bereits damit begonnen, ein Folgeprogramm zu erarbeiten – das Bayerische Gewässer-Aktionsprogramm 2030 (BAP 2030). Ziel ist ein nahtloser Übergang ab dem Jahr 2021. 200 Millionen Euro sollen dann jährlich in das bis ins Jahr 2030 ausgelegte Programm fließen.

Steinstufen auf denen Personen sitzen an der Isar in München Steinstufen an der Isar in München

Die Erkenntnisse aus dem aktuellen Aktionsprogramm werden ebenso in die Ausarbeitung einfließen wie die Erfahrungen aus den folgeschweren lokalen Sturzflutereignissen, die sich 2016 in ganz Bayern über mehrere Wochen ereignet haben.

Darüber hinaus wird das bestehende Aktionsprogramm einerseits um solche Maßnahmen erweitert, die die ökologische Funktion unserer Gewässer stärken und zusätzlich die Lebensräume durch die Gewässer als zentrale Biodiversitätsachsen vernetzen.

Außerdem wird der Sozialfunktion der Gewässer mit dem BAP 2030 mehr Bedeutung geschenkt werden, da Gewässerräume für den Menschen wichtige naturnahe Rückzugsräume der Erholung, Freizeitgestaltung und Begegnung sind.

Diese Ziele werden im BAP 2030 in drei Säulen zusammengefasst:

  • Säule I: Hochwasserschutz - nachhaltiger Schutz vor Hochwasser und Sturzfluten (= Fortführung des erfolgreichen AP 2020plus).
  • Säule II: Ökologische Funktion - naturnahe Gewässer und Biodiversität als ökologisches Rückgrat unserer Landschaft.
  • Säule III: Sozialfunktion - wertvolle Gesundheits- und Erholungsräume für die Menschen.

Bisherige Bilanz

Auf der Grundlage des Aktionsprogramms 2020 wurden im Bereich des natürlichen Rückhalts rund 71 Kilometer Deiche zurückverlegt, wodurch über 25 Millionen Kubikmeter Retentionsraum reaktiviert werden konnten. Rund 1.200 Kilometer Gewässerstrecke und knapp 2.600 Hektar Auenfläche wurden renaturiert.

Durch die Ermittlung und Festsetzung bzw. vorläufige Sicherung von circa 2.500 Quadratkilometer Überschwemmungsgebieten an Gewässern konnte die Entstehung von neuem Schadenspotenzial vermieden werden. Die Einrichtungen zu Hochwasservorhersage und -warnung wurden optimiert (z.B. verstärkter Einsatz von Wasserhaushaltsmodellen, Verwendung zusätzlicher numerischer Wettervorhersagemodelle).

Seit 2001 wurde für etwa 536.000 Einwohner Bayerns ein Schutz vor einem 100-jährlichen Hochwasser erzielt, durch die Sanierung und den Neubau von Deichen, Hochwasserschutzwänden und mobilen Schutzsystemen. An den Wildbächen im bayerischen Alpenraum wurden zusätzlich rund 59.000 Einwohner und knapp 5.200 Hektar bebaute Fläche vor Hochwasser und Muren geschützt.

Einen wesentlichen Beitrag zur Dämpfung des Hochwasserabflusses in den Gewässern leisten aktuell insgesamt 599 Talsperren und Hochwasserrückhaltebecken sowie der Flutpolder Weidachwiesen an der Iller mit einem Gesamtstauraum von rund 552 Millionen Kubikmeter.

(Stand Bilanz: 31.12.2018)