Koordinationsstellen für Fledermausschutz

Vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (damals Landesamt für Umweltschutz) wurde 1985 das "Artenhilfsprogramm Fledermäuse" ins Leben gerufen. Dazu wurden in Nord- und Südbayern zwei Koordinationsstellen für Fledermausschutz eingerichtet, die organisatorisch den Universitäten in Erlangen-Nürnberg (Koordinationsstelle Nord) und München (Koordinationsstelle Süd) angegliedert sind. Die Finanzierung erfolgt mit Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz.

Zu den Aufgaben der Koordinationsstellen zählen:

  • Erfassung von Fledermausvorkommen und Dauerbeobachtung (Monitoring) von Fledermausbeständen zur Überwachung der Bestandsentwicklung
  • Beratung von Behörden und der Bevölkerung in Fragen des Fledermausschutzes
  • Ausbildung und Unterstützung ehrenamtlich im Fledermausschutz Aktiver
  • Erfolgskontrollen durchgeführter Schutzmaßnahmen
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Erarbeitung spezieller Schutzprogramme für besonders gefährdete Arten, zum Beispiel Artenhilfsprogramme für Kleine und Große Hufeisennase oder Wimperfledermaus
  • Erforschung der Fledermausfauna Bayerns in Zusammenhang mit Gefährdung und Schutzmaßnahmen.
Zu sehen ist eine Person, die in einem Dachstuhl auf einer Leiter steht und mit einer Taschenlampe Fledermäuse zählt, die an der Wand des Gebäudes hängen. Eine Vielzahl an braunen und grauen Fledermäusen hängen an Wand und Decke oder fliegen durch den Dachstuhl.Bild vergrössernMitarbeiter der Koordinationsstelle Nordbayern bei der Kontrolle einer Fledermauswochenstube; Foto: Andreas Niedling

Die Angliederung an die Universitäten ermöglicht darüber hinaus die Einbeziehung der Grundlagenforschung sowie der Erfolgskontrolle im Rahmen von wissenschaftlichen Arbeiten. Eine Fülle von Bachelor-, Master-, Diplom- und Doktorarbeiten sind seit Bestehen der Koordinationsstellen für Fledermausschutz entstanden, die in der Regel auch einen engen Bezug zum Fledermausschutz aufweisen und beispielsweise Fragen der Quartiernutzung oder zur Wahl der Jagdhabitate bearbeiten. Einmal jährlich richten die Koordinationsstellen jeweils eine Fachtagung für die zahlreichen amtlich wie ehrenamtlich im Fledermausschutz Aktiven sowie weitere Behördenvertretungen und Interessierte aus. Die Koordinationsstellen für Fledermausschutz pflegen einen engen Kontakt zu benachbarten Institutionen wie der Koordinationsstelle für Fledermausschutz und -forschung in Österreich (KFFÖ). Im Rahmen des Interreg III B Projekts "Living Space Network" wurde gemeinsam ein Leitfaden zur Sanierung von Fledermausquartieren erstellt. Die vorliegenden Kenntnisse wurden auf Artniveau zusammengefasst und daraus konkrete Handlungsanleitungen bei Sanierungen formuliert.

2010 feierten das "Artenhilfsprogramm Fledermäuse in Bayern" und damit auch die beiden Koordinationsstellen für Fledermausschutz ihr 25-jähriges, 2016 im Beisein von Umweltministerin Ulrike Scharf und dem Generalsekretär des Regionalabkommens zum Schutz der Fledermäuse in Europa, Andreas Streit, ihr 30-jähriges Bestehen.

Personen in einem HörsaalBild vergrössern Staatsministerin Ulrike Scharf im Kreis altgedienter ehrenamtlich tätiger Fledermauskundler auf der Fledermaustagung in München am 12. März 2016; Foto: Andreas Zahn

Nähere Informationen erhalten Sie bei den Koordinationsstellen für Fledermausschutz

Koordinationsstelle für den Fledermausschutz in Nordbayern
Matthias Hammer, Burkard Pfeiffer
Department Biologie
Lehrstuhl für Tierphysiologie
Staudtstraße 5
91058 Erlangen
Tel.: 09131/8528788
E-Mail Matthias Hammer: fledermausschutz@fau.de
E-Mail Burkard Pfeiffer: burkard.pfeiffer@fau.de
Koordinationsstelle für Fledermausschutz in Nordbayern

Koordinationsstelle für den Fledermausschutz in Südbayern
Dr. Andreas Zahn
Hermann-Löns-Str. 4
84478 Waldkraiburg
Tel.: 08638/86117
E-Mail Andreas Zahn: andreas.zahn@iiv.de

Als Hilfsmittel zur Kommunikation erscheint mehrmals jährlich ein "Fledermausrundbrief" als E-Mail-Newsletter (Anmeldung unter folgendem Link):

Mailingliste Fledermausschutz in Bayern

Kontaktpersonen in den Landkreisen

Für alle rechtlichen Fragen des Fledermausschutzes sind die Naturschutzbehörden zuständig, also die unteren Naturschutzbehörden an den Landratsämtern und in den kreisfreien Städten und die höheren Naturschutzbehörden an den Bezirksregierungen.
In fachlicher Hinsicht werden die Landkreise und kreisfreien Städte von den Koordinationsstellen und ihren freien Mitarbeitenden sowie teilweise von engagierten ehrenamtlich im Fledermausschutz Tätigen betreut; darüber hinaus stehen die unteren Naturschutzbehörden an den Landratsämtern und in den kreisfreien Städten als Kontaktstellen in Fragen des Fledermausschutzes zur Verfügung.
Einen fundierten Einstieg in den Fledermausschutz bietet die Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (AN) in Form einer zweistufigen Ausbildung. Diese umfasst klassische Methoden zur Bestanderfassung von Fledermäusen sowie eine Einführung in das Artenschutzrecht. Nach erfolgreicher Prüfung können die Absolventinnen und Absolventen vom LfU auf Vorschlag der Landratsämter und der Koordinationsstellen zum Fledermausfachberater in einem Landkreis berufen werden. Das Tätigkeitsprofil umfasst unter anderem die Kontrolle von potenziellen Fledermausquartieren vor Umbaumaßnahmen, die Hilfe bei Zählungen, die Ersterfassung neuer Quartiere und die Informationsvermittlung an Interessierte aus der Bevölkerung.

Die Tabelle gibt einen Überblick welche Kontaktpersonen in welchen Landkreisen für fachliche Fragen zur Verfügung stehen.

Fachliche Betreuung von Sanierungsmaßnahmen an bedeutsamen Fledermausquartieren

Ein Großteil der bedeutsamen Fledermausquartiere in Bayern befindet sich in historischen, denkmalgeschützten Gebäuden – oft in Kirchen, Schlössern oder Festungsanlagen. Im Laufe der Jahre werden diese Gebäude renovierungsbedürftig, manchmal ziehen sich Sanierungsarbeiten über Jahre hin. Eine zentrale Aufgabe der Koordinationsstelle ist es, solche Sanierungsmaßnahmen zu begleiten und sowohl die Architekturschaffenden und die für den Bau verantwortliche Firmen als auch die beteiligten Denkmal-, Bau- und Naturschutzbehörden fachlich zu beraten.

Kirchenrenovierung Bild vergrössern Renovierung der Kirche Oberaichbach; Foto: A. Zahn

Im Laufe der Zeit haben die Koordinationsstellen für Fledermausschutz ein umfangreiches Wissen darüber erworben, welche Baumaßnahmen und – in unvermeidbaren Fällen – auch welchen Grad von Störungen durch Bauarbeiten man Fledermauskolonien zumuten kann. Die Erfahrungen zeigen, dass die Einbeziehung der Fledermausfachleute und der zuständigen Naturschutzbehörden bereits in die frühe Planungsphase nahezu stets Lösungen ermöglicht, welche die Renovierungsarbeiten mit den Ansprüchen des Fledermausschutzes in Einklang bringen lassen.

Auf einen kurzen Nenner gebracht sind die wichtigsten Punkte:

  • Abstimmung des Zeitplans der Bauarbeiten auf die Fortpflanzungszeit der Fledermäuse
  • Ermittlung und Erhaltung der Einflugs- und Ausflugsöffnungen
  • Erhaltung der mikroklimatischen Situation im Quartier
  • Erhaltung traditioneller Hangplätze

Konflikte entstehen fast ausschließlich dann, wenn die Belange des Fledermausschutzes zu spät erkannt werden und Bauzeitenpläne und Baumaßnahmen ohne Berücksichtigung des Fledermausschutzes beschlossen worden sind. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Denkmalbehörden und kirchlichen und staatlichen Bauämter Bauvorhaben an historischen Gebäuden rechtzeitig mit den Naturschutzbehörden besprechen, die fallweise die Koordinationsstellen für Fledermausschutz einbeziehen.

Schutz der Quartiere des Abendseglers an Gebäuden

Zu sehen ist eine große Fledermaus mit rotbraunem Fell und dunklem Gesicht, die aus einer Baumhöhle herausschaut und sich auf den Ausflug aus dem Quartier vorbereitet. Bild vergrössern Ein Abendsegler vor dem Ausflug aus einer Baumhöhle; Foto: Andreas Zahn

Bayern ist ein bedeutendes Überwinterungsgebiet für Abendsegler aus dem nördlichen und nordöstlichen Mitteleuropa. Abendsegler nutzen ganzjährig Baumhöhlen, Fledermauskästen und Spalten an Gebäuden als Quartier, wobei die bedeutendsten Kolonien mit manchmal mehreren Hundert (bis 900) Individuen an hohen Gebäuden gefunden werden.
Jedes Frühjahr erfolgt durch die Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern ein Aufruf zur Zählung bedeutender Abendseglervorkommen, so dass aus den letzten Jahren viele Daten aus dem Zeitraum Ende April/Anfang Mai vorliegen. Auf ein Bestandstief Ende der 1980iger Jahre folgte eine Zunahme der Population und eine scheinbare Stabilisierung bis Mitte der 2000er Jahre. Allerdings nahm die Bestandsgröße in der Folge stark ab und lag im Jahr 2020 bei durchschnittlich unter 100 Tieren pro Quartier – eine Halbierung innerhalb von nur 15 Jahren. Zwar nahm gleichzeitig die Zahl bekannter Quartiere zu, dennoch sollte auf die Bestandsentwicklung des Abendseglers in Zukunft verstärkt geachtet werden.

Ein kombiniertes Diagramm zeigt die Anzahl der jährlich gezählten Quartiere des Großen Abendseglers in Form gelber Balken sowie die mittlere Bestandsgröße pro Quartier in Form einer blauen Linie. Obwohl die Anzahl registrierter Quartiere zwischen 2015 und 2019 auf einem konstant hohen Niveau von ca. 40 Quartieren war, fällt die Bestandskurve in diesem Zeitraum stark ab. Die mittlere Bestandsgröße liegt am Ende der Zeitreihe unter 100 Tieren pro kontrolliertem Quartier, um das Jahr 2000 lag diese noch bei über 200.Bild vergrössernBestandsentwicklung Großer Abendsegler in Bayern im Zeitraum 1995 bis 2020; Andreas Zahn

Größere Abendseglervorkommen an Wohngebäuden verursachen aufgrund des herabfallenden Kots und aufgrund der weithin hörbaren Soziallaute oft erhebliche Akzeptanzprobleme bei im Gebäude wohnenden Personen. Aktive Vertreibungsmaßnahmen bzw. ein Verschluss der Quartiere kamen bis vor wenigen Jahren immer wieder vor. Inzwischen werden die Quartiere meist den Naturschutzbehörden oder den Koordinationsstellen gemeldet, so dass individuelle Schutzkonzepte entwickelt werden können. Diese haben die Erhaltung der Vorkommen zum Ziel, können aber eine Einschränkung der Zugänglichkeit zu den Quartieren für die Abendsegler über Schlafzimmern oder Hauseingängen beinhalten.

Werden Quartiere im Zuge von Sanierungsarbeiten oder Maßnahmen zur Wärmedämmung aufgrund baulicher Veränderungen beseitigt, so erarbeiten die Koordinationsstellen oder lokale Experten individuelle Vorschläge zur Anbringung neuer Quartiere.

Fledermausforschung auf der Herreninsel im Chiemsee

Seit 1991 die Wiederentdeckung einer seit Jahrzehnten verschollenen Kolonie der Kleinen Hufeisennase im Königsschloss gelang, wurde die Fledermausfauna der Herreninsel im Chiemsee intensiv erforscht. 16 von 25 Fledermausarten Bayerns konnten mittlerweile auf der Herreninsel nachgewiesen werden. Im Dachboden des Königsschlosses leben im Sommer Wochenstuben der Kleinen Hufeisennase, des Großen Mausohrs und der Wimperfledermaus. Mittels Lautanalyse gelang im Uferbereich der Herreninsel 2007 die Wiederentdeckung der Alpenfledermaus in Bayern.

Wochenstube der Wimperfledermaus Bild vergrössern Wochenstube der Wimperfledermaus im Dachboden des Schlosses Herrenchiemsee; Foto: Dr. Andreas Zahn

Neben Studien an einzelnen Arten, vor allem an der Kleinen Hufeisennase, wurde in einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Fachhochschule Weihenstephan (Fakultät Wald und Forstwirtschaft) und der Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern 2006 untersucht, welche Waldtypen von den vorkommenden Fledermausarten genutzt werden und welche Rolle der Wald auf der Herreninsel als Jagdhabitat im Vergleich zu den Lebensräumen des Offenlandes spielt.

Kriterien für die Bewertung von Lautaufzeichnungen von Fledermäusen

Im Rahmen verschiedener Kartierungen und Eingriffsvorhaben werden seit einigen Jahren regelmäßig Fledermausvorkommen mittels Lautaufnahmen erfasst und am PC analysiert und bestimmt. Für die Abschätzung der Auswirkungen eines Vorhabens auf Fledermäuse sind nicht nur sichere Artnachweise, sondern auch die Ausprägung der Fledermausaktivität von großer Bedeutung. Artnachweise sollten auch über die Fledermausdatenbank der Koordinationsstellen für Fledermausschutz in die Artenschutzkartierung Bayern einfließen und so für zukünftige Planungen zur Verfügung stehen. Unsichere Nachweise sollten jedoch nicht in die Datenbank eingegeben werden.
Fledermausrufe variieren jedoch je nach Umgebung und Jagdsituation, die Qualität der Aufnahme ist nicht immer gut und viele Fledermausarten lassen sich anhand der Rufe nur schwer oder überhaupt nicht sicher bestimmen. Die Bestimmungssicherheit hängt darüber hinaus stark von den Kenntnissen der Bearbeitenden ab. Bei allen Analysen und auch bei der Bewertung von Gutachten ist daher eine kritische Haltung angebracht, gerade auch wenn die Artbestimmung von einem automatischen Ruferkennungsprogramm vorgeschlagen wird.
Um dieses Problem zu entschärfen, wurden von den Koordinationsstellen für Fledermausschutz in Bayern gemeinsam mit externen Experten Kriterien für die Bestimmung von Fledermausrufen aufgestellt.
Mit Hilfe dieser Kriterien soll die Bestimmung und damit die fachliche Aussagekraft von Bestandsaufnahmen und Gutachten verbessert werden.