Oberflächengewässer

Flüsse und Bäche mit einer Gesamtlänge von ca. 100.000 Kilometern sowie über 200 natürliche und zahlreiche künstliche Seen gibt es in Bayern. Diese Fließgewässer und Seen gestalten die Landschaft. Sie werden nicht nur von Menschen genutzt und geschätzt, sondern erfüllen als wertvolle Ökosysteme auch wichtige Funktionen im Naturhaushalt.

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In den dicht besiedelten und industrialisierten Ländern haben viele Gewässer ihre natürliche Gestalt und Dynamik verloren: Sie sind eingedeicht, begradigt, eingetieft oder aufgestaut. Je stärker Gewässer von Menschen genutzt werden, desto mehr steigt zudem die Gefahr von Belastungen dieser Gewässer. Nutzerinteressen einerseits und die Sorge um den guten Zustand der Gewässer andererseits bilden ein konfliktreiches Spannungsfeld, in dem sich die Wasserwirtschaft für eine möglichst geringe Beeinträchtigung der Gewässer durch gezieltes Handeln einsetzt.

Jedes natürliche Gewässer hat seinen eigenen unverwechselbaren Charakter. Das zeigt sich an den Pflanzen und Tieren, die in ihm leben, an den physikalischen und chemischen Bedingungen sowie an der Gewässerstruktur und dem Wasserhaushalt. Dieser "potenziell natürliche Zustand" würde sich einstellen, wenn keine vom Menschen verursachten Belastungen mehr vorlägen, sondern natürliche Bedingungen herrschten. Um das Prädikat "guter ökologischer Zustand" zu erhalten – dies ist ein Kernziel der Wasserrahmenrichtlinie –, darf ein Fließgewässer nur geringfügig vom potenziell natürlichen Zustand abweichen. Dieses Leitbild dient als Grundlage für eine Typisierung aller Gewässer, seien es Bäche, Flüsse, Seen oder künstliche Gewässer. Dabei richtet sich die Beurteilung nicht an einem "europäischen Einheitsfluss oder -see" aus, sondern berücksichtigt den eigenständigen Charakter des Gewässers.

Natürliche Gewässer erhalten

Natürliche Fließgewässer verändern dynamisch ihren Lauf. Hydromorphologische Prozesse führen zu einer steten Erneuerung und Veränderung gewässertypischer Strukturen (z. B. Kiesbänke, Steilufer und Kolke). Je nach Landschaftsraum und Gewässergröße durchströmen Fließgewässer unterschiedlich breite Auen, in die sie bei Hochwasser ausufern. Fluss und Aue bilden eine Einheit. In Mitteleuropa wurden die Auen jedoch in vielen Flusstälern zum Teil schon vor Jahrhunderten gerodet und in extensiv genutztes Grünland umgewandelt. Wasserbauliche Maßnahmen haben in den letzten 200 Jahren die Mehrzahl der Fließgewässer in Bayern derart verändert, dass der Anteil natürlicher, von Nutzungen unbeeinflusster Fluss- und Bachabschnitte heute nur noch wenige Prozent beträgt. Es gilt daher, die letzten natürlichen Gewässerabschnitte mit ihren Auen zu erhalten. Sie dienen dem natürlichen Wasserrückhalt, bieten Lebensräume für bedrohte und gefährdete Tierarten und Erholungsräume für den Menschen. Als Referenzgewässer sind sie außerdem die Messlatte für den guten ökologischen Zustand, der in der Wasserrahmenrichtlinie gefordert wird.

Im Gegensatz zu Fließgewässern können Seen im Laufe der Zeit verlanden. Wie schnell dieser Prozess abläuft, hängt vom Eintrag an Feststoffen und Nährstoffen (vor allem über Zuflüsse) sowie den Wassertiefen ab. In den Verlandungszonen, bevorzugt an flachen Ufern, entwickeln sich natürliche sogenannte Verlandungsgesellschaften: Unterwasserrasen, Schwimmblattpflanzen, Röhrichte und Seggengesellschaften sowie Erlen. Seen mit einem natürlichen Feststoff- und Nährstoffeintrag und typspezifisch ausgebildeten Vegetationszonen und Organismengemeinschaften – wie zum Beispiel der Königssee – sind als Referenzgewässer für die Wasserrahmenrichtlinie von Bedeutung und als Schutzgebiete ausgewiesen. Sie sind häufig auch Bestandteil des europäischen Netzwerks NATURA 2000.

Durchgängigkeit herstellen

Unsere Fließgewässer bilden von Natur aus miteinander vernetzte Lebensräume. Barrieren wie Abstürze oder Wehranlagen beeinträchtigen jedoch die ökologische Durchgängigkeit. So sind zum Beispiel mehr als 4.200 Wasserkraftanlagen an den Flüssen und Bächen in Bayern in Betrieb. Sie nutzen über Querbauwerke (Aufstau oder Ausleitung) die Kraft des Wassers zum Antrieb von Turbinen oder Wasserrädern, um umweltfreundliche Energie zu gewinnen. Die wasserbewohnenden Organismen wie Fische, Amphibien, Krebse und Insekten können dadurch jedoch nur schwer oder gar nicht wandern oder sich verbreiten.

Die Wasserrahmenrichtlinie fordert eine ausreichende Durchgängigkeit der Oberflächengewässer. Dieses Ziel zu erreichen, ist Aufgabe der Unterhaltungspflichtigen, soweit nicht Dritte wie etwa Kraftwerksbetreiber im Rahmen des wasserrechtlichen Bescheids in die Pflicht genommen werden können. Für die in Betrieb befindlichen Wasserkraftanlagen wurden beispielhafte Lösungen wie Umgehungsgerinne oder Fischpässe entwickelt, welche die Durchgängigkeit verbessern.

In den letzten Jahren wurden eine Reihe von Wehranlagen und Abstürzen aufgelassen und durch Sohlrampen ersetzt, die für Fische und andere im Wasser lebenden Organismen keine unüberwindbaren Hindernisse darstellen. An kleineren Gewässern ist dies – abhängig vom Einzelfall - auch im Zuge der Gewässerunterhaltung zu erreichen. Grundsätzlich sind für die Umgestaltung nicht durchgängiger Querbauwerke jedoch wegen ihrer großen Anzahl erhebliche Anstrengungen in den nächsten Jahren erforderlich.

Veränderte Gewässer renaturieren

Viele der bayerischen Flüsse und Bäche sind vor allem im letzten Jahrhundert ausgebaut worden, um zum Beispiel Feuchtgebiete zu entwässern oder Siedlungsgebiete und landwirtschaftliche Nutzflächen vor Überschwemmungen zu schützen. Infolge des Gewässerausbaus nahm die Besiedlung von Gebieten nahe an Flüssen und Bächen stark zu. Dabei wurde zu wenig berücksichtigt, dass die intensive Nutzung und Besiedlung von Überschwemmungsgebieten bei Hochwasser zu einer erheblichen Gefährdung von Anwohnern und großen materiellen Schäden führen kann.

Ziel der Renaturierung von Fließgewässern ist es, dem Wasser wieder mehr Raum zu geben und gewässertypische Lebensräume für Pflanzen und Tiere wiederherzustellen. Renaturierte Gewässer werden ökologisch aufgewertet und bilden attraktive Anziehungspunkte für Erholungssuchende. Außerdem wird der zunehmenden Gefahr durch Hochwässer entgegengewirkt.

Die Möglichkeiten, Renaturierungsmaßnahmen umzusetzen, sind je nach Umgebung sehr unterschiedlich. Während man in Ortsbereichen Lösungen finden muss, die mit den städtebaulichen Gegebenheiten vereinbar sind, kann man Gewässern in der unbebauten Landschaft mehr Freiheit geben, sich künftig wieder dynamisch zu entfalten. Hier können dann auch neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen entstehen. Ein erhebliches Potenzial, veränderte Flüsse und Bäche aufzuwerten, bietet außerdem eine ökologisch orientierte Gewässerunterhaltung.

Künstliche und erheblich veränderte Gewässer ökologisch aufwerten

Die Lebensbedingungen in Gewässern wurden durch deren Ausbau zum Teil erheblich verändert. Zudem entstand in den vergangenen Jahrhunderten eine Vielzahl neuer künstlicher Oberflächengewässer wie Kanäle, Gräben zur Be- und Entwässerung sowie Bagger- und Stauseen. Ein Oberflächengewässer kann als "erheblich verändert" eingestuft werden, wenn folgende drei Bedingungen gemeinsam zutreffen:

  • Das Gewässer ist durch Nutzungen in seiner Gestalt oder Wasserführung so stark verändert worden, dass es nicht mehr im guten Zustand ist.
  • Verbesserungsmaßnahmen zur Erreichung des guten Zustands würden zu signifikant negativen Auswirkungen auf bestehende Nutzungen führen.
  • Zudem besteht keine wirtschaftliche und umweltverträglichere Alternative zu diesen Nutzungen.

Für künstliche und erheblich veränderte Wasserkörper gilt als Bewertungsmaßstab anstelle des guten ökologischen Zustands das gute ökologische Potenzial. Das höchste ökologische Potenzial ist die maximale Naturnähe, welche die bestehenden Nutzungen noch zulassen. Das Umweltziel des guten ökologischen Potenzials darf nur geringfügig vom höchsten Potenzial abweichen.

In der Bestandsaufnahme 2004 wurden die künstlichen und erheblich veränderten Wasserkörper nur vorläufig eingestuft. Nach einer ökologischen und ökonomischen Prüfung erfolgte die gültige Einstufung 2009 im Rahmen der Bewirtschaftungsplanung.

Einleitungen reduzieren

Die Forderung der Wasserrahmenrichtlinie, die Belastungen der Gewässer mit Schad- und Nährstoffen aus Einleitungen zu reduzieren, ist in Bayern schon weitgehend erfüllt. Bereits seit 40 Jahren werden die Einleitungen der rund 2.800 kommunalen Abwasseranlagen und etwa 1.500 Gewerbe- und Industrieabwasseranlagen systematisch überwacht.

Einige Gewässer sind mit gefährlichen Stoffen belastet. Als gefährlich gelten giftige, schwer abbaubare Stoffe und Stoffe, die sich in Organismen anreichern. Dazu gehören vor allem Schwermetalle, einige Pflanzenschutzmittel und Industriechemikalien. Diese Substanzen werden in der Rahmenrichtlinie entsprechend ihrem Risikopotenzial eingestuft und in einer Liste der prioritären Stoffe geführt. Um das Ziel "guter chemischer Zustand" zu erreichen, fordert die Wasserrahmenrichtlinie die Einhaltung strikter Umweltqualitätsnormen in Oberflächengewässern. Die EU-Kommission hat eine Liste von bisher 33 prioritären Stoffen verabschiedet. 13 von ihnen wurden als prioritär gefährlich eingestuft. Für prioritär gefährliche Stoffe muss die Freisetzung in die Umwelt schrittweise verringert werden, diese Stoffe sollen bis zum Jahr 2020 nicht mehr in die Umwelt gelangen.

Die Wasserrahmenrichtlinie fordert die Mitgliedsstaaten auf zu prüfen, ob weitere Schadstoffe relevant sind. Liegen entsprechende Einleitungen vor, werden national oder für ein Flussgebiet wie den Rhein Qualitätsnormen entwickelt und eine Überwachung durchgeführt.

Diffuse Einträge vermindern

Diffuse Stoffeinträge springen nicht gleich ins Auge, doch sie belasten Boden und Wasser. Die Palette der diffus eingetragenen Stoffe und Stoffgruppen ist umfangreich. Dazu zählen vor allem Stickstoff, Phosphor, Schwefel und Stickoxide, Pflanzenschutzmittel, Schwermetalle und Krankheitskeime. Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff stammen häufig aus landwirtschaftlichen Quellen. Andere diffus eingetragene Stoffe, wie Pflanzenschutzmittel, Schwermetalle, organische Schadstoffe und Tierarzneimittel stammen zwar vor allem aus der Industrie und der Landwirtschaft, werden aber auch im privaten Haus- und Gartenbereich verwendet. Eine Verminderung der diffusen Einträge kann nicht nur der Natur, sondern auch der Industrie, der Landwirtschaft und den privaten Haushalten nutzen.

Restwasser sichern

Bei verschiedenen Nutzungen wird Fließgewässern Wasser entnommen. Überschreitet die Entnahme eine kritische Schwelle, kann dies direkte und indirekte negative Folgen für den ökologischen Zustand des Fließgewässers haben.

In Bayern konzentriert sich die Restwasserfrage vor allem auf Gewässerstrecken, an denen Wasser über einen Kanal zur Wasserkraftnutzung in Ausleitungskraftwerken abgeleitet wird. Die übrigen Wasserentnahmen (zum Beispiel Kühlwasserentnahmen, Entnahmen für Fischteiche oder zur Bewässerung) spielen im Vergleich dazu eine eher untergeordnete Rolle.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das bei einer wesentlichen ökologischen Verbesserung einen höheren Vergütungssatz für den erzeugten Strom vorsieht, gibt Anreize für die Betreiber, die Restwassersituation und die Durchgängigkeit auf freiwilliger Basis zu verbessern. Daneben besteht die Möglichkeit, nach Ablauf einer Genehmigung im neu zu fassenden Bescheid einen ausreichenden Mindestabfluss im Fließgewässer festzulegen.
Beim Neubau, bei einer wesentlichen Änderung bestehender oder bei der Reaktivierung alter Anlagen sind für den Mindestabfluss die ökologischen Belangen zu berücksichtigen. Bei großen Wasserkraftanlagen werden für die Ermittlung ausreichender Mindestabflüsse umfangreiche Restwasserstudien erstellt. Diese schließen in der Regel auch Aussagen zur Bewirtschaftung von Hochwasserabflüssen für den Geschiebetransport ein.

Beispielhafte Vereinbarungen zur Erhöhung der Mindestabflüsse in Verbindung mit Maßnahmen zur Gewässerentwicklung wurden an der Isar, Kraftwerk Mühltal, an der Mittleren Isar im Stadtgebiet München sowie zwischen München und Moosburg und am Inn, Ausleitungsstrecke Jettenbach-Töging, getroffen.