Fischotter, Foto Astrid Brillen, piclease Naturbildagentur

Landschaftsplanung in der Ländlichen Entwicklung
Verfahren Zultenberg, Markt Kasendorf, Lkr. Kulmbach

Fachgutachten Historische Kulturlandschaft (Beispielhafte Erfassung und Berücksichtigung wertvoller historischer Kulturlandschaft im Zuge der Planung)

Einführung

Im Rahmen des Verfahrens zur Ländlichen Neuordnung Zultenberg hat die Direktion für Ländliche Entwicklung Bamberg eine Bestandsaufnahme der historischen Kulturlandschaft von Dorf und Flur in der Gemarkung Zultenberg durchführen lassen. Diese Kulturlandschaftsinventarisation hatte das Ziel, in dieser besonders wertvollen historischen Kulturlandschaft den Beteiligten Informationen über die kulturhistorisch wertvollen Elemente und Strukturen zu liefern. Diese sind dann mit in das Planungskonzept eingeflossen.

Historisches Potenzial

Das Dorf und seine landschaftliche Einbindung

Zultenberg wurde im Hochmittelalter an einer von Weismain nach Kasendorf führenden Altstraße gegründet. Die Keimzelle des Ortes war ein Turmhügel und spätere Burg. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Zultenberg von einem Weiler zu einem Straßendorf. Der Ort hat seinen Straßendorfcharakter bis heute bewahrt. Eine charakteristische Ortsrandabfolge mit Scheunen, Obstgarten und Etterweg ist noch im Norden Zultenbergs gegeben. Die unmittelbare Lage des Ortes am Rande des Albtraufes verfolgte das vorrangige Ziel, möglichst nah an einer Trinkwasserquelle zu liegen. Ein Brunnensteig führt zu dem „Bergbrünnlein“, einer mit Sandsteinen gefassten Schichtquelle und eine Holzrinne leitet das Wasser in einen kleinen Teich.

Gehöft
Foto: Büttner und Röhrer

Die Lage Zultenbergs am oberen Ende zweier Trockentalsysteme im Bereich der lehmigen Albüberdeckung ermöglichte die Anlage von einem Dorfhüllweiher, der der Brauchwassergewinnung diente. Der Hüllweiher wurde Mitte des 20. Jh. zugeschüttet. Im Zuge des Baus der zentralen Wasserversorgung 1898 wurden drei Brunnen im Ort angelegt. Sie stehen auf kleinen „Brunnenplätzen“, die von Linden gesäumt sind. Insgesamt wird das Dorf von Haus- und Dorfbäumen geprägt. Eine Besonderheit ist die in Relikten erhaltene Lindenallee, die aus Kasendorf auf Zultenberg zuführt.

Die Flurstruktur

Landschaftsbild
Foto: Büttner und Röhrer

Aufgrund der geomorphologischen Voraussetzungen der Flächenalb hat sich eine Breitstreifenflur in Gemengelage (mit Lesesteinwällen an den Längsgrenzen oder in Ackerterrassengebieten) entwickelt, die keinen Hofanschluss aufweist. Im Übergang zur Kuppenalb nach Süden hin haben sich Blockgemengefluren mit Ansätzen der Vergewannung herausgebildet.

Grenzen

Die Grenzlage des halb hochstiftisch, halb reichsritterschaftlich geprägten, lutherischen Ortes in früheren Zeiten (Hochstift Bamberg, Markgrafschaft, Herrschaft Thurnau, Reichsritter Lindenberg) ist noch an zahlreichen Grenzstufen ablesbar wie z. B. an dem Grenzwall zu Görau. Besonders hervorzuheben ist der Markstein in der Flurlage Heidenknock. Er markiert wohl drei aufeinander folgende historischer Grenzverläufe (Grenze zur „Terra Slavorum“, im Mittelalter Grenze zwischen Cent Niesten und Cent Zwernitz, später Grenzverlauf zwischen dem Hochstift Bamberg und der Markgrafschaft Brandenburg-Bayreuth).

Die Wegeverbindungen

Gebüsch
Foto: Büttner und Röhrer

Die Lage des Ortes am Albtrauf führt dazu, dass die Ortsverbindungen hochflächeneinwärts ausstrahlen und sich mit diversen Trassen der alten Nordalbüberquerung kreuzen. Im Zuge dessen sind zahlreiche Wegespinnen entstanden, Richtungsbäume wurden angepflanzt und strahlen weit in die Landschaft aus. Im Untersuchungsgebiet verläuft die bedeutende frühmittelalterliche Altstraße der Nordalbquerung Scheßlitz-Kulmbach in drei Varianten vor dem Albabstieg („Alte Straße“ mit Abstieg als Hohlweg und „Bamberger Straße“ mit „Roßhüll“ (Rosstränke), Abstieg mit Spurenbündel und als Hohlweg, parallel spätmittelalterlicher Weg). Direkte Verbindungswege bestehen auch von Zultenberg aus zu den Kasendorfer Mühlen und zur Herbstmühle. Auch der Streckenverlauf der in den 1930er Jahren im RAD angelegten Verbindungsstraße nach Neudorf sind besondere Zeugnisse der Verkehrsgeschichte des Ortes Zultenberg.

Die Landnutzung

Noch um 1850 herrschte die gebundene Dreifelderwirtschaft vor. Die gemeindliche und bäuerliche Schafhaltung hat neben der Getreidewirtschaft die Kulturlandschaft im Untersuchungsgebiet am maßgeblichsten geprägt. Historische Wiesen sind nur im Albvorland, im Bereich der Skipiste, an der Ortschaft Zultenberg und im Bereich der Weismainer Störungszone, wo der Ornatenton bis auf die Hochfläche reicht, in kleinen Beständen gegeben. Das historische Gewerbe ist nur in sehr geringem Umfang in der Landschaft ablesbar. Am Fuß des Görauer Angers finden sich im anstehenden Eisensandstein noch Eisenerzpingen, im Werkkalk des Albtraufes noch ehemalige Kalkbranntstellen.

Schwerpunktbereiche der historischen Landnutzung

Insgesamt lassen sich drei thematische Schwerpunktbereiche der historischen Landnutzung festmachen, die auf herausragende Weise die enge Verflechtung von Natur- und Kulturfaktoren verdeutlichen. Diese Bereiche bestechen auch durch ihren guten Erhaltungszustand und durch die hohe Gestaltqualität.

Görauer Anger und Hutungsrelikte

Hutungsrelikte finden sich am Albtrauf, auf den Knocks, Ödungsinseln und Ödungsstreifen.

Hutungsrelikte
Foto: Büttner und Röhrer

Der Görauer Anger mit den Altstraßenresten, Triebwegen und Spurenbündeln ist ein sehr eindrucksvolles Relikt der historischen Schafbeweidung. Vom Görauer Anger eröffnet sich der Blick in das Zweimainland, das von der Plassenburg beherrscht wird. Die Sichtbeziehung zur Plassenburg als Hauptburg der Andechs-Meranier (das Geschlecht zeichnet sich für die Erschließung der Weismainalb verantwortlich) und der Walpotenburg Zwernitz als weitere historische Landmarke potenziert den hohen assoziativen Gehalt dieses Landschaftsbereiches.

Eine weitere noch größtenteils erhaltene Gemeinweide findet sich noch am Seubersdorfer Weg. Reste bäuerliche Hutungen sind noch an der Beerenleite (lichter Kiefernwald) und am Kammetshügel gegeben.

Mittelwaldnutzung am Albtrauf und Giech’sches Jagdgebiet

Waldweg
Foto: Büttner und Röhrer

Die Mittelwaldnutzung am Albtrauf, die sich als langes Band unterhalb des Görauer Angers entlangzieht, ist von sehr hoher kulturhistorischer Zeugniskraft. Unterhalb des Mittelwaldbandes erstreckt sich das eh. Giech’sche Jagdgebiet (Grafen von Giech in Buchau) in Gestalt eines Fichtenwaldes, der 1772 durch 82 Grenzsteine abgegrenzt wurde. In dem Waldgürtel verlaufen die Zubringer zu den Altstraßen, die in Teilabschnitten als Hohlwege und Spurenbündel ausformuliert sind.

Trockentalsysteme Bärental und Schwalbachtal sowie Dolomitstotzengebiete

Trockentalsystem
Foto: Büttner und Röhrer

Die Trockentalsysteme Richtung Bärental und Schwalbachtal mit den Heckenterrassen, verwilderten Obstzeilen, Lesesteinhaufen, -wällen und vereinzelten Lesesteintrockenmauern sind in der Gemarkung Zultenbergs besonders eindrucksvoll ausgebildet. Die streifenflurartige Ausprägung begünstigte die Terrassierungen an den Trockentalhängen. Dolomitstotzen prägen die Kuppenalbbereiche.

Ziele und Leitlinien

Der Zultenberger Gemarkung kommt in einer Zeit rascher und tiefgreifender Veränderungen infolge seiner Identität stiftenden Wirkung eine sehr hohe Bedeutung zu. Das Gebiet soll daher in seiner historischen Zeugniskraft durch substanzschonende Bewirtschaftung, Pflege- und Entwicklungskonzepte gefördert werden. Die spezifische Ausstattung des Albtraufs, der Flächenalb und der Kuppenalb mit charakteristischen Landschaftsbausteinen soll soweit wie möglich in ihrer punktuellen, linearen wie flächigen Einstreuung und Vernetzung als Eigenart prägende Elemente bewahrt und entwickelt werden.

Der Erhalt und die behutsame Weiterentwicklung der historischen Dorf- und Flurstruktur sowie des historischen Wegenetzes sollen in enger Zusammenarbeit mit den Behörden, den politischen Entscheidungsträgern, der Wirtschaft und der Bevölkerung vor Ort geschehen. Entscheidend sind daher bewusstseinsbildende Maßnahmen, um den sehr hohen Wert dieser Kulturlandschaft in den Köpfen der Menschen zu verankern und diesen auch ökonomisch nutzen zu können.

Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen sollen in Anlehnung an den bestehenden Formenschatz historischer Kulturlandschaftselemente und damit in der tradierten Eigenart geplant und durchgeführt werden.

Maßnahmen

Dorf- und Flurstruktur

Das Straßendorf Zultenberg soll mit seinem Bestand an kulturhistorisch wertvollen und ortsbildprägenden Gebäuden, Plätzen, Dorfbäumen und Ortsrändern erhalten und entwickelt werden. Eine gestalterische Aufwertung des Ortsausgangsbereiches (beeinträchtigende Wirkung des Silos) zum Görauer Anger soll in Erwägung gezogen werden. Die vorhandenen Obstgärten sind ggf. als Ausgleich für neue Siedlungsbereiche zu entwickeln, bzw. zu ergänzen und zu pflegen.

Dorfstraße
Foto: Büttner und Röhrer

Die in ihrer Grundstruktur spätmittelalterliche Breitstreifen- und Blockgemengeflur Zultenbergs soll in ihrer Grundstruktur bewahrt und entwickelt werden. Bauliche Maßnahmen zur Siedlungserweiterung, der Einbindung neuer Verkehrstraßen oder im Rahmen der Anlage von Gewerbegebieten und zur touristischen Infrastruktur sollen unter besonderer Beachtung der historischen Kulturlandschaft und ihrer Bestandteile durchgeführt werden. Bei Vorhaben, die die historische Zeugniskraft des Untersuchungsgebietes stark beeinträchtigen, sollen Alternativlösungen geprüft werden. Das Bergbrünnlein und der Brunnensteig sollen als Dokumente der historischen Wasserversorgung auf dem Jura erhalten und behutsam entwickelt werden.

Historisches Wegenetz

Das historische Wegenetz der Zultenberger Gemarkung soll mit seinen zahlreichen historisch bedeutsamen Altstraßen, Ortsverbindungswegen und dem Brunnensteig in seinem historisch tradierten Wegeverlauf so weit wie möglich bewahrt werden. Dies gilt insbesondere auch für die “Schwünge�? der Wegeführung in der Feldflur, die zur charakteristischen Eigenart und Unverwechselbarkeit dieses Raumes beitragen. Insbesondere sollen auch die wertvollen Wegebestandteile und Begleitstrukturen wie Spurenbündel, Hohlwegabschnitte, Richtungsbäume, Alleebäume, Obstbaumzeilen, Raine, Heckenzeilen und Lesesteinwälle bewahrt werden.

Weg
Foto: Büttner und Röhrer

Anstehende Ausbaumaßnahmen sollen behutsam und in Bezug auf die landschaftlichen Vorgaben vorgenommen werden. In den Bereichen, in denen von Ausbaumaßnahmen abgesehen werden kann, hier ist insbesondere der Altstraßenverlauf mit seinem Triebwegscharakter über den Görauer Anger in Betracht zu ziehen, sollen die historischen Wegenetze als unversiegelte Feldwege erhalten bleiben. Die Altstraßen, Brunnensteige und sehr einprägsame historische Ortsverbindungen sollen in Wanderwegenetze eingebunden werden.

Landnutzungen

Durch den allgemeinen Strukturwandel und den damit verbundenen Konzentrationsprozessen in der Landwirtschaft soll das Untersuchungsgebiet schwerpunktmäßig durch die Erhaltung und Förderung der Landwirtschaft in Verbindung mit einer extensiven Bewirtschaftung der herausragenden Bereiche historischer Landnutzungsformen gepflegt und entwickelt werden. Empfohlen wird die Abfrage von Mitteln aus dem Vertragsnaturschutz und ggf. auch von EU-Mitteln zur Förderung einer extensiven Landwirtschaft und eines “Kulturlandschaftstourismus�?.

Wiese
Foto: Büttner und Röhrer

Aufforstungen der eh. Gemeinweiden, Magerwiesen, Kalkscherbenäcker und Heckenterrassen sollen unterbleiben. Die Dolomitstotzen, Heckenterrassen, Lesesteinhaufen, -wälle und
–trockenmauern sollen extensiv gepflegt werden. Auf eine Fortführung der Mittelwaldnutzung soll hingewirkt werden.

Assoziativer Aspekt

Sichtbeziehungen wie z. B. vom Görauer Anger zur Plassenburg und vom Seubersdorfer Weg zur Neudorfer Kirche oder allgemein die Blickbezüge zwischen den Richtungsbäumen an den Altstraßen sollen als charakteristische und landschaftsprägende Elemente dieses Raumes bewahrt werden. Die zahlreichen Grenzzüge und Grenzsteine sollen als Zeugnisse einstiger eigentumsrechtlicher und territorialstaatlicher Ansprüche im Untersuchungsgebiet an ihren Standorten erhalten werden. Die nähere Umgebung des Marksteins soll durch eine behutsame Gehölzentnahme aufgewertet werden, um dadurch die assoziative Wirkungskraft dieses Ortes zu erhöhen.

Grenzstein
Foto: Büttner und Röhrer

Werbung für die Kulturlandschaft

Die wertvollen Kulturlandschaftsbereiche wie die Mittelwaldnutzung am Albtrauf und das Giech’sche Jagdgebiet, der Görauer Anger, das Trockentalsystem oder das historische Wegenetz mit den wertvollen Begleitstrukturen sollte für eine behutsame touristische Nutzung durch die Anlage von Themenwegen aufbereitet werden. Die Themenwege sollten in ansprechenden Faltblättern eingehend dargestellt und den Erholungssuchenden in Gaststätten der Umgebung und an der Zultenberger Wanderhütte angeboten werden. Empfohlen wird in diesem Zusammenhang auch die werbewirksame Einbindung der Ortsgeschichte (zu den bestehenden Daten) in die Homepage der Gemeinde Kasendorf und des Landkreises Kulmbach.

Hütte
Foto: Büttner und Röhrer

Zu überdenken wäre auch die Einführung eines temporären Gastwirtschaftsbetriebes bei Privatleuten, z.B. eines „Kaffee und Kuchen“-Ausschankes im Garten, und vor allen Dingen auch das Angebot von landwirtschaftlichen Produkten aus dem Ort.

Auftraggeber: Direktion für Ländliche Entwicklung, Bamberg - Herr Klaus Eminger
Fachliche Betreuung: Dr. Thomas Gunzelmann,
Bayer. Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Schloss Seehof
Auftragnehmer: ARGE Büttner - Habermehl - Röhrer