Fischotter, Foto Astrid Brillen, piclease Naturbildagentur

Gesteinsflechten im Siedlungsbereich

Vielerorts im Siedlungsbereich kann man an Mauern, an Ziegeln oder auf wenig begangenen gepflasterten Wegen runde Flecken unterschiedlicher Farbe von teilweise mehreren Zentimetern Durchmesser entdecken, über deren Herkunft immer wieder gerätselt wird. Wenn es sich nicht um zertretene Kaugummis oder die Hinterlassenschaft von Vögeln handelt, lohnt ein näherer Blick. Nach der Verbesserung der Luftqualität in den letzten beiden Jahrzehnten haben es etliche Flechtenarten geschafft, wieder in die Städte vorzudringen. Dabei besiedeln sie nicht nur die Rinde von Straßenbäumen und Gartengehölzen sondern auch verschiedenste Gesteinsbiotope.

Eine der häufigeren Arten auf Pflasterwegen oder auch Gartenterrassen ist die Mauer-Kuchenflechte (Lecanora muralis) mit ihren mehr oder weniger kreisrunden, in einem grünlichen Grau erscheinenden Rosetten. An ihrem Rand erkennt man die strahlig ausgerichteten Lappen, im Inneren die mehr oder weniger dicht stehenden Fruchtkörper (Apothecien). Bei ungestörter Entwicklung können die Rosetten Durchmesser von mehr als 20 cm erreichen, sie sterben dann im Inneren ab oder bilden vom Zentrum her ein neues Lager (Thallus).

Bild vergrössern Ein altes Exemplar der Mauer-Kuchenflechte (Alter ca. 60 Jahre, Durchmesser ca. 20 cm) auf Sandsteinplatten der alten Tribüne München-Riem. Foto: Wolfgang von Brackel

Vorwiegend an Mauern fallen leuchtend gelbe Arten der Gattungen Schönfleck (Caloplaca) und Gelbflechte (Xanthoria) mit ausgeprägten rosettenförmigen Lagern auf. Sehr viel genauer muss man schon bei Arten hinsehen, die ein unscheinbares oder gänzlich im Gestein verborgenes Lager besitzen. Auch unter ihnen finden sich Angehörige der Gattungen Kuchenflechte oder Schönfleck, neben vielen anderen wie Dotterflechte (Candelariella), Porpidie (Porpidia) oder Trapelie (Trapelia).

Bild vergrössern Vereinzelte Trapelie (Trapelia glebulosa) an einer Sandsteinmauer der Nürnberger Burg. Foto: Wolfgang von Brackel

Ihr natürliches Vorkommen haben alle diese Arten an Felsen oder auf Gesteinsblöcken der Naturlandschaft, die außerhalb der höheren Gebirge nahezu verschwunden sind. In den Mauern, Dächern und Pflasterwegen unserer Dörfer und Städte haben sie einen neuen Lebensraum gefunden.

Bild vergrössern Auf dem grauen Lager der Kiesel-Porpidie (Porpidia crustulata) bilden sich die schwarzen Fruchtkörper in konzentrischen Kreisen. Foto: Wolfgang von Brackel

Sie können übrigens die Flechten unbesorgt wachsen lassen: Bis auf ganz wenige seltene Arten greifen sie das Gestein nicht oder nur in den obersten Millimetern an, um sich daran festzuhalten. Im Gegensatz zu den rein grünen, gerne etwas schleimigen Algenüberzügen, die sich an schattigen und feuchten Orten bilden, besteht auch kaum Gefahr, bei Nässe darauf auszurutschen.