Fischotter, Foto Astrid Brillen, piclease Naturbildagentur

Artenhilfsprogramme für gefährdete Schmetterlingsarten

Schmetterlinge stellen mit über 3.000 heimischen Arten – neben Käfern, Hautflüglern (Bienen, Wespen) und Zweiflüglern (Fliegen, Mücken) – eine der artenreichsten Insektenordnungen.

Kreuzenzian-Ameisenbläuling Bild vergrössern Männchen des Kreuzenzian-Ameisenbläulings. Foto: E. Dallmeyer

Die Tagfalter bilden die bekannteste, allerdings mit gut 170 in Bayern nachgewiesenen Arten auch die weitaus artenärmste Untergruppe der Schmetterlinge. Die Nachtfalter, welche zusammen mit den Tagfaltern den Großschmetterlingen zugerechnet werden, kommen auf ca. 1.000 Arten. Den größten Artenreichtum erreichen die Kleinschmetterlinge. Hier sind bisher fast 2.000 Arten nachgewiesen worden und die Erfassung ist keineswegs vollständig.
Bayern beherbergt unter allen Bundesländern aufgrund seiner Flächengröße und seiner reichhaltigen naturräumlichen Ausstattung (z.B. Magerrasen der Frankenalb, Moore im Alpenvorland, Lebensräume in den Alpen) die artenreichste Schmetterlingsfauna.

Die Biologie der Schmetterlinge kennzeichnet eine vollständige Metamorphose, während der verschiedene Lebensstadien durchlaufen werden. Aus dem Ei schlüpft eine Raupe, die sich mehrmals häutet und schließlich verpuppt. Der Puppe entschlüpft der geschlechtsreife Falter. Die ökologischen Ansprüche der verschiedenen Stadien sind unterschiedlich und teilweise sehr spezifisch, am bekanntesten sind Bindungen der Raupen bzw. Larven an bestimmte Nahrungspflanzen, im Extremfall sogar an eine einzige Art (z.B. Apollofalter an Weißen Mauerpfeffer).

Schmetterlingsraupe Bild vergrössern Maivogel-Raupe. Foto: wildlife-media.at
Fertiger Schmetterling Bild vergrössern Maivogel. Foto: wildlife-media.at

Für den Arten- und Biotopschutz repräsentieren vor allem die Tagfalter eine naturschutzfachlich-ökologisch sehr bedeutsame Gruppe, da Verbreitung, Bestandssituation und ihre komplexe Ökologie vergleichsweise gut bekannt sind. Als überwiegende Bewohner von nährstoffarmem bis mäßig nährstoffreichem Offenland (z.B. Streuwiesen, Magerrasen) besitzen sie eine hohe Pflegerelevanz. Vom allgemeinen Arten- und Individuenschwund sind die Tagfalter besonders betroffen.

Die Tagfalterfauna mit einem hohen Anteil an Arten mit enger Habitatbindung und komplexen Lebensraumansprüchen wurde durch den tiefgreifenden Wandel von der vielfältigen traditionellen Kulturlandschaft zur einförmigen industriell geprägten Landnutzung besonders stark in Mitleidenschaft gezogen und wird in den Roten Listen gefährdeter Arten als überdurchschnittlich bedroht geführt. So gelten 60% der bayerischen Tagfalter als gefährdet, wobei im Vergleich dazu der Gefährdungsanteil der bayerischen Fauna im Mittel deutlich niedriger, nämlich bei ca. 40% liegt. Sieben Arten sind in Bayern ausgestorben, davon zwei Arten erst in den letzten Jahrzehnten: Kleiner Waldportier (Hipparchia alcyone)(1994) und Regensburger Heufalter (Colias myrmidone) (2000).

Weitere Arten drohen der bayerischen Fauna verlorenen zu gehen, vor allem Berghexe (Chazara briseis) und Streifenbläuling (Polyommatus damon) sind akut vom Aussterben bedroht. Nur etwa ein Drittel der bayerischen Tagfalterarten verfügt über stabile und gesicherte Bestände. Einige wenige Arten haben zugenommen (z.B. Kurzschwänziger Bläuling, Cupido argiades) oder konnten in jüngster Zeit erstmals in Bayern nachgewiesen werden, z.B. Karstweißling (Pieris mannii). Dies ist vor dem Hintergrund des vorherrschenden Arten- und Individuenrückganges zwar bemerkenswert, doch werden dadurch die schwerwiegenden Verluste in keiner Weise kompensiert.

Die in den Medien gelegentlich beschriebene angebliche Rückkehr der Schmetterlinge, z.B. anlässlich des Masseneinfluges von Distelfaltern aus Nordafrika und Südeuropa im Jahr 2009, wird es auf absehbare Zeit nicht geben, da die Normallandschaft vielen Arten keinen Lebensraum mehr zu bieten vermag und die Überlebensmöglichkeiten auch für weniger anspruchsvolle Arten in der Fläche weiter abnehmen.

Artenhilfsprogramme – das effektivste Instrument für den gezielten Artenschutz

Um die hochgradig gefährdeten Arten der bayerischen Fauna zu erhalten, sind Artenhilfsprogramme (AHP) das effektivste Instrument für den gezielten Artenschutz. Das erste schmetterlingsbezogene AHP, das AHP Apollofalter startete 1989/90 und entwickelte sich schon bald zu einem beispielhaften Musterprojekt. Die Schlüsselstellung der Larvalökologie für Schutzmaßnahmen wurde hierbei besonders deutlich. Auch zeigte sich, dass allgemeine Pflegemaßnahmen, wie z.B. Beweidung oder Mahd, zwar im Rahmen der weitgefächerten Maßnahmen unverzichtbar sind, jedoch alleine keineswegs genügen um hoch bedrohte Arten mit speziellen Lebensraumansprüchen ausreichend zu fördern. Daher stellt für die Umsetzung von AHP-Maßnahmen neben dem Bayerischen Vertragsnaturschutzprogramm (VNP), das Landschaftspflege- und Naturparkprogramm (LNPR) ein zentrales Instrument bei speziellen Artenhilfsmaßnahmen dar, z.B. für Entbuschungen, Felsfreistellungen oder Ausmagerung durch Bodenabtrag.

Nach über 20 Jahren Erfahrung mit Artenhilfsprogrammen für einzelne Schmetterlingsarten lässt sich eine insgesamt positive Bilanz ziehen. Ohne gezielte Hilfsmaßnahmen wären viele Vorkommen hochgradig gefährdeter Arten inzwischen erloschen. Artenhilfsprogramme bieten trotz allem keine Erfolgsgarantien. Vielfach muss eine Verlangsamung des Rückganges oder eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau schon als Erfolg gewertet werden. So ist es im AHP Streifenbläuling trotz befriedigender Umsetzung von Maßnahmen bislang nicht gelungen, den Bestandsrückgang zu stoppen. Für die beiden zuletzt in Bayern ausgestorbenen Tagfalterarten Kleinen Waldportier und Regensburger Heufalter kamen die Bemühungen zu spät, um den negativen Bestandstrend noch aufhalten oder gar umkehren zu können.

Voraussetzung für eine dauerhafte Sicherung der hoch bedrohten Arten ist eine langfristige und kontinuierliche Betreuung von Artenhilfsprogrammen, andernfalls drohen zwischenzeitliche Erfolge im Artenschutz, wie sie z.B. im AHP Glücks-Widderchen kurzfristig gelangen, wieder verloren zu gehen.

Streuobstwiese Bild vergrössern Streuobstwiesen mit artenreichem Extensivgrünland im Unterwuchs waren noch vor wenigen Jahrzehnten einer der verbreitetsten Tagfalterlebensräume. Heute sind derartige Lebensräume selten geworden und mit ihnen die dort heimischen Falter.(Sulzfeld im Grabfeldgau. Foto: M. Jaletzke

"Tagfalter in Bayern" – neuer Atlas zeigt die Vielfalt der bayerischen Tagfalterfauna

Mit dem lange erwarteten, im Sommer 2013 im Ulmer Verlag erschienenen und von der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Entomologen e.V. (ABE) und dem LfU herausgegebenen Buch "Tagfalter in Bayern" konnte ein umfangreiches Grundlagenwerk zu allen 176 in Bayern nachgewiesenen Tagfalter-Arten vorgelegt werden.

Neben Verbreitung, Lebensräume, Biologie und Bestandssituation jeder Art werden auch ausführlich die verschiedenen bayerischen Lebensraumtypen, ihre regionale Differenzierung und das jeweilige Arteninventar beschrieben. Die Darstellung von Gefährdungsfaktoren und möglichen Schutzmaßnahmen von Arten – auch jenen, die hier nicht ausführlich behandelt werden – und Lebensräumen beschließen das Buch.