Fischotter, Foto Astrid Brillen, piclease Naturbildagentur

Koordinationsstellen für Fledermausschutz

Kleinabendsegler Bild vergrössern Der seltene Kleinabendsegler zählt zu den Arten, über die wir heute einen deutlich besseren Kenntnisstand haben als vor zehn Jahren. Foto: Bernd-Ulrich Rudolph

Vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (damals Landesamt für Umweltschutz) wurde 1985 das "Artenhilfsprogramm Fledermäuse" ins Leben gerufen. Dazu wurden in Nord- und Südbayern zwei Koordinationsstellen für Fledermausschutz eingerichtet, die organisatorisch den Universitäten in Erlangen (Koordinationsstelle Nord) und München (Koordinationsstelle Süd) angegliedert sind. Die Finanzierung erfolgt mit Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz.

Zu den Aufgaben der Koordinationsstellen zählen:

  • Erfassung von Fledermausvorkommen und Dauerbeobachtung (Monitoring) von Fledermausbeständen zur Überwachung der Bestandsentwicklung
  • Beratung von Bürgern und Behörden in Fragen des Fledermausschutzes
  • Ausbildung und Unterstützung ehrenamtlicher Fledermausschützer
  • Erfolgskontrollen durchgeführter Schutzmaßnahmen
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Erarbeitung spezieller Schutzprogramme für besonders gefährdete Arten, z.B. Artenhilfsprogramme für Kleine und Große Hufeisennase oder Wimperfledermaus
  • Erforschung der Fledermausfauna Bayerns in Zusammenhang mit Gefährdung und Schutzmaßnahmen.

Die Angliederung an die Universitäten ermöglicht darüber hinaus die Einbeziehung der Grundlagenforschung sowie der Erfolgskontrolle im Rahmen von wissenschaftlichen Arbeiten. Eine Fülle von Diplom- und Doktorarbeiten sind seit Bestehen der Koordinationsstellen für Fledermausschutz entstanden, die in der Regel auch einen engen Bezug zum Fledermausschutz aufweisen und beispielsweise Fragen der Quartiernutzung oder zur Wahl der Jagdhabitate bearbeiten. Einmal jährlich richten die Koordinationsstellen jeweils eine Fachtagung für die zahlreichen amtlich wie ehrenamtlich tätigen Fledermausschützer sowie weitere Behördenvertreter und Interessierte aus. Die Koordinationsstellen für Fledermausschutz pflegen einen engen Kontakt zu benachbarten Institutionen wie der Koordinationsstelle für Fledermausschutz und -forschung in Österreich (KFFÖ). Im Rahmen des Interreg III B Projekts "Living Space Network" wurde gemeinsam ein Leitfaden zur Sanierung von Fledermausquartieren erstellt. Die vorliegenden Kenntnisse wurden auf Artniveau zusammengefasst und daraus konkrete Handlungsanweisungen bei Sanierungen formuliert.

2010 feierten das "Artenhilfsprogramm Fledermäuse in Bayern" und damit auch die beiden Koordinationsstellen für Fledermausschutz ihr 25-jähriges Bestehen.

Nähere Informationen erhalten Sie bei den Koordinationsstellen für Fledermausschutz

Koordinationsstelle für den Fledermausschutz in Nordbayern
Matthias Hammer
Department Biologie
Lehrstuhl für Tierphysiologie
Staudtstraße 5
91058 Erlangen
Tel.: 09131/8528788
E-Mail: fledermausschutz@fau.de

Koordinationsstelle für den Fledermausschutz in Südbayern
Dr. Andreas Zahn
Hermann-Löns-Str. 4
84478 Waldkraiburg
Tel.: 08638/86117
E-Mail: andreas.zahn@iiv.de

Ansprechpartner in den Landkreisen

Für alle rechtlichen Fragen des Fledermausschutzes sind die Naturschutzbehörden zuständig, also die unteren Naturschutzbehörden an den Landratsämtern und in den kreisfreien Städten und die höheren Naturschutzbehörden an den Bezirksregierungen.
In fachlicher Hinsicht werden die Landkreise und kreisfreien Städte von den Koordinationsstellen und ihren freien Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen betreut; darüber hinaus stehen die unteren Naturschutzbehörden an den Landratsämtern und in den kreisfreien Städten als Ansprechpartner in Fragen des Fledermausschutzes zur Verfügung. Die Tabelle gibt einen Überblick welche Betreuer in welchen Landkreisen für fachliche Fragen zur Verfügung stehen.

Fachliche Betreuung von Sanierungsmaßnahmen an bedeutenden Fledermausquartieren

Ein Großteil der bedeutsamen Fledermausquartiere in Bayern befindet sich in historischen, denkmalgeschützten Gebäuden – oft in Kirchen, Schlössern oder Festungsanlagen. Im Laufe der Jahre werden diese Gebäude renovierungsbedürftig, manchmal ziehen sich Sanierungsarbeiten über Jahre hin. Eine zentrale Aufgabe der Koordinationsstelle ist es, solche Sanierungsmaßnahmen zu begleiten und sowohl die Architekten und Bauträger als auch die beteiligten Denkmal-, Bau- und Naturschutzbehörden fachlich zu beraten.

Kirchenrenovierung Bild vergrössern Renovierung der Kirche Oberaichbach; Foto: A. Zahn

Im Laufe der Zeit haben die Koordinationsstellen für Fledermausschutz ein umfangreiches Wissen darüber erworben, welche Baumaßnahmen und – in unvermeidbaren Fällen – auch welchen Grad von Störungen durch Bauarbeiten man Fledermauskolonien zumuten kann. Die Erfahrungen zeigen, dass die Einbeziehung der Fledermausfachleute und zuständigen Naturschutzbehörde bereits in die frühe Planungsphase nahezu stets Lösungen ermöglicht, die die Renovierungsarbeiten mit den Ansprüchen des Fledermausschutzes in Einklang bringen lassen.

Auf einen kurzen Nenner gebracht sind die wichtigsten Punkte:

  • Abstimmung des Zeitplans der Bauarbeiten auf die Fortpflanzungszeit der Fledermäuse
  • Ermittlung und Erhaltung der Einflugs- und Ausflugsöffnungen
  • Erhaltung der mikroklimatischen Situation im Quartier
  • Erhaltung traditioneller Hangplätze

Konflikte entstehen fast ausschließlich dann, wenn die Belange des Fledermausschutzes zu spät erkannt werden und Bauzeitenpläne und Baumaßnahmen ohne Berücksichtigung des Fledermausschutzes beschlossen worden sind. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Denkmalbehörden und kirchlichen und staatlichen Bauämter Bauvorhaben an historischen Gebäuden rechtzeitig mit den Naturschutzbehörden besprechen, die fallweise die Koordinationsstellen für Fledermausschutz einbeziehen.

Schutz der Quartiere des Abendseglers an Gebäuden

Großer Abendsegler Bild vergrössern Großer Abendsegler. Foto: Bernd-Ulrich Rudolph

Bayern ist ein bedeutendes Überwinterungsgebiet für Abendsegler aus dem nördlichen und nordöstlichen Mitteleuropa. Abendsegler nutzen ganzjährig Baumhöhlen, Fledermauskästen und Spalten an Gebäuden als Quartier, wobei die bedeutendsten Kolonien mit manchmal mehreren Hundert (bis 900) Individuen an hohen Gebäuden gefunden werden.
Jedes Frühjahr erfolgt durch die Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern ein Aufruf zur Zählung bedeutender Abendseglervorkommen, so dass aus den letzten Jahren viele Daten aus dem Zeitraum Ende April /Anfang Mai vorliegen. Es gibt Hinweise auf eine Zunahme der Population nach einem Bestandstief am Ende der 1980iger Jahre. Doch nach den Daten von 15 regelmäßig gezählten Quartieren hat der Bestand in den letzten Jahren nicht weiter zugenommen. Eher ist ein leichter Rückgang anzunehmen, so dass auf die Bestandsentwicklung des Abendseglers in Zukunft verstärkt geachtet werden sollte.
Größere Abendseglervorkommen an Wohngebäuden verursachen aufgrund des herab¬fallenden Kotes und aufgrund der weithin hörbaren Soziallaute oft erhebliche Akzeptanzprobleme bei den Anwohnern. Aktive Vertreibungsmaßnahmen bzw. ein Verschluss der Quartiere kamen bis vor wenigen Jahren immer wieder vor. Inzwischen werden die Quartiere meist den Naturschutzbehörden oder den Koordinationsstellen gemeldet, so dass individuelle Schutzkonzepte entwickelt werden können. Diese können eine Einschränkung der Zugänglichkeit zu den Quartieren für die Abendsegler über Schlafzimmern oder Hauseingängen beinhalten.

Werden Quartiere im Zuge von Sanierungsarbeiten oder Maßnahmen zur Wärmedämmung aufgrund baulicher Veränderungen beseitigt, so erarbeiten die Koordinationsstellen oder lokale Experten individuelle Vorschläge zur Anbringung neuer Quartiere.

Artenhilfsprogramm Kleine Hufeisennase

Von der Kleinen Hufeisennase sind derzeit fünf reproduzierende Kolonien bekannt, wovon zwei erst in jüngster Zeit (2010 und 2011) entdeckt wurden.
Nach dem nahezu vollständigen Zusammenbruch der bayerischen Bestände der Kleinen Hufeisennase in den 1950iger bis 1970iger Jahren scheint sich die überlebende Restpopulation deutlich zu erholen. Trotz Umbau- oder Holzschutzmaßnahmen in allen drei länger bekannten Wochenstubenquartieren in den Landkreisen Rosenheim und Bad Tölz-Wolfratshausen sind die Kolonien stark angewachsen. Die Gebäudesanierungen wurden durch die Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern intensiv betreut. In den Landkreisen Rosenheim und Miesbach wurden zahlreiche Gebäude nach weiteren Vorkommen der Kleinen Hufeisennase abgesucht und nach Rücksprache mit den Kirchengemeinden für Fledermäuse wieder zugänglich gemacht, um den Quartierverbund zu stärken. Die Quartier- und Jagdhabitatnutzung sowie die Nahrungswahl der Kolonie in Schloss Herrenchiemsee wurden in mehreren Diplomarbeiten intensiv untersucht.

Grafik zur Bestandsentwicklung der Populationen der Kleinen Hufeisennase auf der Herreninsel im Chiemsee, in der Jachenau und in Aschau. Bei allen dreien ist ein deutlicher Anstieg von erwachsenen Tiere von den neunziger Jahren bis 2011 zu verzeichnen: auf der Herreninsel von ca. 25 auf ca. 135 im Zeitraum von 1991 bis 2011, in der Jachenau von ca. 30 auf über 150 seit 2000 und in Aschau von 30 auf über 170 ebenfalls seit 2000/ Grafik: Koordinationsstellen Fledermausschutz, 2011 Bild vergrössern Bestandsentwicklung der Kleinen Hufeisennase in 3 langjährig bekannten Kolonien

Artenhilfsprogramm Große Hufeisennase

In der Oberpfalz lebt die gegenwärtig einzige bekannte Wochenstubenkolonie der Großen Hufeisennase in Deutschland. In den 1980er Jahren wurden in den als Winterquartier dienenden Jurahöhlen noch etwa 12 Tiere der Art gefunden. Hierauf begründete sich die Hoffnung, dass womöglich noch eine Wochenstube existieren könnte. 1992 wurden zwei Weibchen durch die Koordinationsstelle für Fledermausschutz in Nordbayern telemetriert und das bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Wochenstubenquartier (21 Adulte mit 10 Jungtieren) entdeckt. Das nicht mehr bewohnte Anwesen wurde daraufhin von der Regierung der Oberpfalz angepachtet.

Große Hufeisennasen in Schalfstellung Bild vergrössern Große Hufeisennasen. Foto: Rudolf Leitl

2008 konnte es durch die Gemeinde Hohenburg mit Mitteln des Bayerischen Naturschutzfonds des Landkreises Amberg-Sulzbach und dreier Naturschutzverbände (BN, LBV, VSL) erworben werden. Im Jahr 2009 ermöglichte das "Konjunkturpaket II" der Bundesregierung die grundlegende Sanierung des einsturzgefährdeten Anwesens. Die Baumaßnahmen wurden eng auf den Fortpflanzungszyklus der Fledermäuse abgestimmt und von der Regierung der Oberpfalz, Höhere Naturschutzbehörde, fachlich begleitet. In das Artenhilfsprogramm sind auch der Bundesforst und die Umweltabteilung der amerikanischen Streitkräfte eingebunden, die Lebensraumverbesserungen und neue Quartiere auf einem nahe gelegenen Truppenübungsplatz geschaffen haben. Die Hufeisennasen honorierten alle diese Maßnahmen mit Rekordzahlen: 2011 konnten 67 adulte Tiere im Quartiergebäude gezählt werden. Es wurden 31 Jungtiere geboren, von denen 30 ausflogen. Die Winterquartierzählungen zeigten mit 63 Individuen im Winter 2010/11 den bisher höchsten beobachteten Bestand.

Zur Verbesserung der Quartiersituation und des Quartierverbundes – die Große Hufeisennase ist auf geräumige Dachböden mit freiem Einflug angewiesen – wurden 2003 bis 2006 etwa 90 Gebäude im näheren und weiteren Umkreis um die Wochenstube inspiziert. An 20 Gebäuden wurden konkrete Verbesserungen der Einflüge vorgenommen.

Im Rahmen des Artenhilfsprogramms ließ das LfU darüber hinaus umfangreiche Nahrungsanalysen durchführen, um eine mögliche Abhängigkeit der Großen Hufeisennase von bestimmten Insektenarten feststellen zu können.

Dabei konnte festgestellt werden, dass die Hauptbeute der Großen Hufeisennasen die drei Beutetierordnungen der Käfer, Schmetterlinge und Zweiflügler bildeten. Dem Gelbbraunen Brachkäfer Rhizotrogus aestivus kommt eine Schlüsselrolle in der kritischen Zeit nach dem Winterschlaf und während der Trächtigkeit der Weibchen für das Überleben der Großen Hufeisennasen an diesem Standort zu. Die Hauptbeute im Herbst waren Dungkäfer der Gattung Aphodius und Mistkäfer der Gattung Geotrupes. Die Schmetterlinge und Zweiflügler waren in den Beutespektren der drei Untersuchungsjahre bis Mitte Mai nur mit geringen bis mittleren Nachweiswerten vertreten. Erst ab Anfang Juni spielten sie in allen drei Untersuchungsjahren eine nennenswerte Rolle mit Auftrittshäufigkeiten von über 80 %. Beide Insektenordnungen prägten das Sommerbeutespektrum der Großen Hufeisennasen aus Hohenburg und erreichten bis in den Herbst hinein hohe Nachweisraten. An vierter Stelle im Beutespektrum folgten die Hautflügler, Die Hautflügler waren zu allen Jahreszeiten mit Werten von über 70% Häufigkeit vertreten.

Fledermausforschung auf der Herreninsel

Seit 1991 die Wiederentdeckung einer seit Jahrzehnten verschollenen Kolonie der Kleinen Hufeisennase im Königsschloss gelang, wurde die Fledermausfauna der Herreninsel intensiv erforscht. 16 von 24 Fledermausarten Bayerns konnten mittlerweile auf der Herreninsel nachgewiesen werden. Im Dachboden des Königsschlosses leben im Sommer Wochenstuben von Kleiner Hufeisennase, Großem Mausohr und Wimperfledermaus. Mittels Lautanalyse gelang im Uferbereich der Herreninsel 2007 die Wiederentdeckung der Alpenfledermaus in Bayern.

Wochenstube der Wimperfledermaus Bild vergrössern Wochenstube der Wimperfledermaus im Dachboden des Schlosses Herrenchiemsee. Foto: Dr. Andreas Zahn

Neben Studien an einzelnen Arten, vor allem an der Kleinen Hufeisennase, wurde in einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Fachhochschule Weihenstephan (Fakultät Wald und Forstwirtschaft) und der Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern 2006 untersucht, welche Waldtypen von den vorkommenden Fledermausarten genutzt werden und welche Rolle der Wald auf der Herreninsel als Jagdhabitat im Vergleich zu den Lebensräumen des Offenlandes spielt.

Kriterien für die Bewertung von Lautaufzeichnungen von Fledermäusen

Im Rahmen verschiedener Kartierungen und Eingriffsvorhaben werden seit einigen Jahren regelmäßig Fledermausvorkommen mittels Lautaufnahmen erfasst und am PC analysiert und bestimmt. Für die Abschätzung der Auswirkungen eines Vorhabens auf Fledermäuse sind nicht nur sichere Artnachweise, sondern auch die Angabe der Anzahl der Rufe als Maß für die Fledermausaktivität von großer Bedeutung. Artnachweise sollten auch über die Fledermausdatenbank der Koordinationsstellen für Fledermausschutz in die Artenschutzkartierung Bayern einfließen und so für zukünftige Planungen zur Verfügung stehen. Unsichere Nachweise sollten jedoch nicht in die Datenbank eingegeben werden.
Fledermausrufe variieren jedoch je nach Umgebung, die Qualität der Aufnahme ist nicht immer gut und viele Fledermausarten lassen sich anhand der Rufe nur schwer oder überhaupt nicht sicher bestimmen. Die Bestimmungssicherheit hängt darüber hinaus stark von den Kenntnissen der Bearbeiter ab. Bei allen Analysen und auch bei der Bewertung von Gutachten ist daher eine kritische Haltung angebracht, gerade auch wenn die Artbestimmung von einem automatischen Ruferkennungsprogramm vorgeschlagen wird.
Um dieses Problem zu entschärfen, wurden von den Koordinationsstellen für Fledermausschutz in Bayern gemeinsam mit Fachleuten der Firma Ecoobs Kriterien für die Bestimmung von Fledermausrufen aufgestellt.
Mit Hilfe dieser Kriterien soll die Bestimmung und damit die fachliche Aussagekraft von Bestandsaufnahmen und Gutachten verbessert werden.