Humanarzneimittel - Langzeitwirkungen bei Fischen

Eine Reihe von Studien aus jüngster Zeit belegen das Vorkommen von Arzneimitteln in der aquatischen Umwelt. Im Gegensatz zu den Agrochemikalien, die häufig periodisch zum Einsatz kommen, werden zahlreiche Pharmaka kontinuierlich in die Umwelt abgegeben. Die in der Human- und Veterinärmedizin eingesetzten Substanzen gelangen über geklärtes Abwasser, das Ausbringen von belasteter Gülle, sowie über Sickerwässer aus Mülldeponien in die Umwelt.
Die bisher im Zusammenhang mit pharmazeutisch wirksamen Stoffen durchgeführten Untersuchungen konzentrieren sich überwiegend auf die Erfassung der Expositionssituation. Angaben zur Toxizität dieser Substanzen auf aquatische Organismen liegen nahezu nicht vor. Obwohl Arzneimittel nahezu ausschließlich zur Therapie von Wirbeltieren eingesetzt werden, wurden mögliche toxische Wirkungen bestimmter Pharmaka auf aquatische Vertebraten (Wirbeltiere) wie Fische bisher nicht berücksichtigt.

Arzneimittel kommen aufgrund ihrer spezifischen biologischen Wirkung bei Mensch und Tier zum Einsatz. Sie können darüber hinaus jedoch eine Vielzahl unerwünschter und z.T. noch völlig unbekannter Nebenwirkungen entfalten.

Das LfU führt seit mehreren Jahren umfangreiche Untersuchungen zur Erfassung möglicher toxischer Effekte von Humanpharmaka auf Fische durch. Im Rahmen dieser Studie werden für vier aufgrund ihrer Umweltpräsenz relevante Arzneimittel aus der Gruppe der nicht-steroidalen Analgetika (Diclofenac), Lipidsenker (Clofibrinsäure), Antidepressiva (Carbamazepin) sowie beta-Blocker (Metoprolol) Wirkungsdaten an Fischen erarbeitet. Die Studie soll dabei nicht der Erfassung akuter toxischer Wirkungen dienen, sondern mögliche längerfristige Wirkungen umweltrelevanter Konzentrationen von Arzneimitteln auf Fische abbilden.

Histologische Aufnahme des Nierengewebes einer Regenbogenforelle. (A) Unverändertes Nierengewebe (B) Diclofenac-bedingte Nierenveränderungen Bild vergrößern Histologische Aufnahme des Nierengewebes einer Regenbogenforelle. (A) Unverändertes Nierengewebe (B) Diclofenac-bedingte Nierenveränderungen / LfU

Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass für manche Arzneimittel wie z.B. Diclofenac und Carbamazepin im umweltrelevanten Konzentrationsbereich bereits negative Wirkungen auf die Fischgesundheit nachweisbar sind.

Von anderen Stoffen, wie z.B. der Clofibrinsäure geht aufgrund der Untersuchungsergebnisse kein erhöhtes Risiko für Fische aus. Ein Vergleich mit herkömmlichen, in der Regel an Invertebraten (Nichtwirbeltiere) oder Algen ermittelten Toxizitätsdaten verdeutlicht die bei der Abbildung von Arzneimittelwirkungen ungleich höhere Sensitivität von Fischen. Dies ist vermutlich auf die spezifische, auf die Anwendung bei Wirbeltieren ausgerichtete Wirkungsweise von Arzneimitteln zurückzuführen. Auch bezüglich des Akkumulationsverhaltens sind Arzneimittel im Rahmen der Risikobewertung anders zu betrachten als andere Schadstoffgruppen. So ergaben chemische Rückstandsuntersuchungen in Fischgeweben, dass auch die Arzneimittel, für die aufgrund ihrer chemischen Struktur von einem sehr geringen Adsorptionspotential auszugehen ist, in erheblichen Mengen in Fischorganen anreichern.