Bachforellensterben in Bayern - Projektbeschreibung

Seit vielen Jahren wird in den Ober- und Mittelläufen voralpiner Flüsse Bayerns während des Spätsommers ein Sterben von Bachforellen beobachtet. Erkrankte Fische zeigen eine deutliche Schwarzfärbung und halten sich lethargisch in Ufernähe auf. Neben massiven pathologischen Veränderungen im Bereich von Leber, Milz, Niere, Kiemen und Magen-Darm-Trakt weisen die Tiere meist auch Veränderungen des Blutbildes auf. Andere Fischarten aus den gleichen Gewässern zeigen dagegen keinerlei Krankheitsanzeichen.

Für das Bachforellensterben typische Organveränderungen im Bereich von Leber und Darm Bild vergrößern Für das Bachforellensterben typische Organveränderungen im Bereich von Leber und Darm / LfU

Im Rahmen eines Verbundprojektes zwischen dem Bayerischen Landesamt für Umwelt und dem Landesfischereiverband Bayern e.V. wurden im Zeitraum 2002-2006 umfangreiche Untersuchungen zur Klärung der Ursache durchgeführt. Als Schwerpunkt der breit angelegten Untersuchungen wurde, stellvertretend für andere betroffene Gewässer, die Iller bei Kempten ausgewählt. Unter der Leitung des Bayerischen Landesamtes für Umwelt wurde bei Kempten/Graben auf dem Gelände der Allgäuer Überlandwerke (AÜW) eine Versuchsanlage installiert. Das Wasserwirtschaftsamt Kempten und der Fischereiverein Kempten wirkten aktiv in dem Projekt mit. Im Rahmen dieser Versuche wurden Bachforellen dem Flusswasser entweder nativ oder nach Vorschaltung unterschiedlicher Filtersysteme ausgesetzt:

  • unbehandeltes Illerwasser
  • Vorschaltung eines Basalt/Quarzsandfilters zur Entfernung von Schwebstoffen
  • Vorschaltung eines Aktivkohlefilters zur Elimination chemischer Schadstoffe
  • UV-Bestrahlung zur Abtötung infektiöser Erreger
  • Vorschaltung aller genannten Filtereinrichtungen

ausgesetzt.

Expositionsanlage an der Iller Bild vergrößern Expositionsanlage an der Iller / LfU

Durch die bisherigen Untersuchungen konnte das mögliche Spektrum an Ursachen für das Bachforellensterben deutlich eingegrenzt werden. Als Ursache für das Phänomen auszuschließen sind demnach:

  • Physikalisch-chemische Parameter (z.B. klimatische Einflüsse)
  • Umweltschädliche Chemikalien
  • Einleitungen nicht ausreichend geklärter Abwässer
  • hormonell wirksame Umweltchemikalien

Die Filterversuche an der Iller zeigten deutlich, dass ausschließlich eine UV-Bestrahlung des Illerwassers ein Bachforellensterben verhindern kann. Somit wird das Vorliegen einer Infektionskrankheit als Ursache immer wahrscheinlicher.
In den Jahren 2005 und 2006 wurde zur Abklärung einer viralen oder bakteriellen Genese das Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI; ehemals Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere) mit der Durchführung virologischer, bakteriologischer und immunologischer Untersuchungen beauftragt. Infektionsversuche, bei denen gesunde Bachforellen nach Kontakt mit Organmaterial verendeter Individuen erkrankten, deuteten auf eine Übertragbarkeit der „Erkrankung“ hin. Ein eindeutige Nachweis eines verantwortlichen infektiösen Erregers konnte jedoch nicht erbracht werden.
Die bis dato erhobenen Befunde sprechen für eine multifaktorielle Ursache des Bachforellensterbens im Sinne einer erhöhten Empfänglichkeit gegenüber schwach- oder fakultativ pathogenen Erregern infolge einer Störung des physiologischen Gleichgewichtes durch bisher nicht näher charakterisierte Umweltfaktoren.

Schwerpunkt des Programms 2008 sind Untersuchungen zum Auftreten des Bachforellensterbens in der Fläche. Fischbestandserhebungen des Landesfischereiverbandes zufolge findet sich im Oberlauf der Iller ein intakter Bachforellenbestand, welcher ab ca. Flkm. 131 (Höhe Blaichach) deutlich geschädigt ist. Versuchsanlagen in mehreren Abschnitten des Oberlaufs sollen die Region eingrenzen, ab der die Forellen geschädigt werden. An folgenden Standorten werden zwischen Mai und Oktober 2008 insgesamt fast 1.500 Bachforellen dem Flusswasser ausgesetzt.

  • Sulzberg/Graben bei Kempten, Flkm. 108,5
  • Thanners, Flkm. 123,5
  • Blaichach Süd, Flkm. 134
  • Rubi, Flkm. 146

Am Hauptstandort in Sulzberg/Graben werden auf dem Gelände der Allgäuer Überlandwerke (AÜW) Fische in sieben Langstromrinnen gehalten, die von Illerwasser durchströmt sind. Daneben werden an allen vier Standorten Fische in mit Illerwasser gespeisten, z.T. in Containern installierten Aquarien, gehalten. Über Online-Messsonden werden chemisch-physikalische Wasserwerte wie z.B. Temperatur, pH, Sauerstoffgehalt, Leitfähigkeit und Trübung kontinuierlich protokolliert. Zudem werden Tag und Nacht Daten zum Verhalten der Fische über WebCams aufgezeichnet. Bilder von den verschiedenen Versuchsstandorten können aktuell abgerufen werden.

Langstromrinnen am Versuchsstandort Sulzberg/Graben Bild vergrößern Langstromrinnen am Versuchsstandort Sulzberg/Graben
Container mit Aquarien und Messeinrichtungen am Versuchsstandort Blaichach Süd Bild vergrößern Container mit Aquarien und Messeinrichtungen am Versuchsstandort Blaichach Süd

Weitere Versuchsansätze zur Erfassung der minimalen Expositionsdauer, zum Ausschluss infektiöser Erkrankungen sowie zur Übertragbarkeit auf Hybriden wie z.B. Tigerforellen komplettieren die Studie. Im Herbst werden die Tiere der verschiedenen Versuchstationen im Hinblick auf das Auftreten der für das Bachforellensterben typischen Symptomatik tiermedizinisch untersucht. In Kooperation mit der TUM, Wissenschaftszentrum Weihenstephan, soll zudem ein innovativer Weg zur Ursachenerkennung begangen werden. So sollen globale Expressionsanalysen auf der Basis der Immunantwort des Wirtes zwischen dem Vorliegen einer Infektionskrankheit oder dem Einfluss anderer exogener Einflussfaktoren wie z.B. Schadstoffen differenzieren.