Arzneimittelwirkstoffe und weitere polare Spurenstoffe in Roh- und Trinkwasser (gemeinsamer Bericht von LfU und LGL)

Auftreten und Bewertung von Arzneimittelwirkstoffen, ausgewählter Metaboliten sowie weiterer polarer Spurenstoffe im Roh- und Trinkwasser aus oberflächenwasserbeeinflussten Gewinnungsanlagen
(Gemeinsamer Bericht von LfU und LGL).

Ausgangssituation

Arzneimittelwirkstoffe und ihre Abbauprodukte können nach therapeutischer Anwendung von Medikamenten, aber auch durch unsachgemäße Entsorgung unverbrauchter Arzneimittel über die Toilette in kommunale Abwässer gelangen. Werden die Wirkstoffe in der Kläranlage nicht ausreichend zurückgehalten oder abgebaut, können sie in Oberflächengewässer (im Wesentlichen Flüsse) übergehen. Neben Arzneimittelwirkstoffen gelangen auch weitere polare Spurenstoffe, die ebenso eine hohe Persistenz und eine gute Wasserlöslichkeit besitzen in die Oberflächengewässer.

Trinkwasserbrunnen in unmittelbarer Nähe zu Flüssen können zeitweise einen erheblichen Anteil Wasser aus diesen Gewässern fördern (sogenanntes Uferfiltrat). Bei einer künstlichen Grundwasseranreicherung wird dies gezielt herbeigeführt. Während der Bodenpassage wird das Wasser zwar filtriert und biologisch gereinigt, es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Schadstoffe aus dem Oberflächengewässer bis in die Trinkwasserbrunnen gelangen.

Trinkwasser, das indirekt als Uferfiltrat bzw. durch Grundwasseranreicherung oder direkt aus Oberflächenwasser gewonnen wird, kann daher anders als Trinkwasser aus unbeeinflussten Brunnen möglicherweise auch Spuren von Arzneimittelwirkstoffen enthalten. Daher wurde im LGL 2007 ein risikoorientiertes Untersuchungsprogramm durchgeführt mit dem Ziel, ein detailliertes Bild über Arzneimittelrückstände in Trinkwasser, das aus oberflächenwasserbeeinflussten Wasserversorgungsanlagen (WVA) in Bayern stammt, zu erhalten.

In einem vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit finanzierten Forschungsvorhaben wurde im Zeitraum 2007-2009 vom LfU unter anderem anhand von Säulen- und Lysimeterversuchen das Transport- und Sorptionsverhalten von Arzneimittelwirkstoffen und -metaboliten sowie weiteren polaren Spurenstoffen unter möglichst naturnahen Bedingungen ermittelt. Mit den Ergebnissen können Prognosen über deren Verhalten im natürlichen Untergrund erstellt und ein mögliches Belastungspotenzial für die Trinkwassergewinnung, zum Beispiel bei von Uferfiltrat beeinflussten Brunnen, abgeschätzt werden.

Untersuchung von Trinkwasser aus oberflächenwasserbeeinflussten Gewinnungsanlagen auf Arzneimittelrückstände (LGL)

Untersuchungsprogramm

Von Juli 2007 bis März 2008 wurden 84 Trinkwasserproben von bekannten oberflächenwasserbeeinflussten WVA in Bayern entnommen und im LGL auf Arzneimittelrückstände untersucht.

Das Basisprogramm wurde breit angelegt und umfasste insgesamt 29 verschiedene therapeutisch eingesetzte Arzneimittelwirkstoffe sowie den Kokainmetaboliten Benzoylecgonin.

Auf der Basis der dort gewonnenen Ergebnisse wurden Proben der fünf Wasserversorgungen mit den höchsten Rückstandsgehalten in einem Pilotprojekt exemplarisch zusätzlich auf Rückstände von vier in der Röntgendiagnostik eingesetzten jodhaltigen Kontrastmitteln untersucht. Das komplette Spektrum der untersuchten Stoffe finden Sie in den nachfolgenden Dokumenten:

Untersuchungsergebnisse

In 58 der insgesamt 84 untersuchten oberflächenwasserbeeinflussten Trinkwasserproben (69%) waren keine Rückstände der untersuchten Arzneimittelwirkstoffe feststellbar. 21 Proben (25%) enthielten allein Spuren von Carbamazepin (Antiepileptikum). In drei weiteren Carbamazepin-haltigen Proben waren zudem geringe Rückstände von Sulfamethoxazol (Antibiotikum) feststellbar; zwei weitere Proben enthielten neben Carbamazepin und Sulfamethoxazol auch noch Primidon (Antiepileptikum). Die Konzentrationen lagen für Carbamazepin zwischen 0,006 und 0,11 µg/l, für Sulfamethoxazol zwischen 0,019 und 0,056 µg/l sowie für Primidon bei 0,019 und 0,026 µg/l. Die übrigen 26 Arzneimittelwirkstoffe und der Kokainmetabolit Benzoylecgonin waren in keiner der untersuchten Trinkwasserproben bestimmbar.

Tortengrafik mit Verteilung der Probenanzahl Bild vergrößern Untersuchungsergebnisse von Arzneimittelwirkstoffen in Trinkwasser

Bei der ergänzenden, exemplarischen Untersuchung der fünf am höchsten mit Carbamazepin belasteten Proben auf Röntgenkontrastmittel wurde in vier Proben Amidotrizoesäure in Konzentrationen zwischen 0,16 und 0,20 µg/l festgestellt, zwei dieser Proben enthielten neben Amidotrizoesäure auch das ebenfalls zur Stoffgruppe der Röntgenkontrastmittel gehörende Iopamidol (jeweils 0,12 µg/l).

Die festgestellten Arzneistoffspuren fanden sich vor allem in Trinkwässern aus WVA, die die Brunnen in der Nähe der Flüsse Main, Donau und Regnitz haben. Die Tabelle mit den im Einzelnen gemessenen Gehalten finden Sie im nachfolgenden Dokument:

Untersuchung von Rohwasser aus oberflächenwasserbeeinflussten Brunnen auf Arzneimittelrückstände und weitere polare Spurenstoffe (LfU)

Untersuchungsprogramm

2009 wurden vom LfU Rohwässer aus oberflächenwasserbeeinflussten Brunnen an Main, Regnitz und Fränkischer Rezat zweimalig (April und September) sowie die Fließgewässer selbst beprobt. Gleichzeitig wurden aus einzelnen Brunnen zusammengemischte Rohwässer der jeweiligen Wassergewinnungsanlagen (vor der Aufbereitung zu Trinkwasser) entnommen. Dafür wurden Brunnen von Wasserversorgungsunternehmen ausgewählt, in deren Trinkwasser im Sommer 2007 bei den Untersuchungen des LGL vergleichsweise hohe Carbamazepin-Konzentrationen (0,03 - 0,1 µg/l) gefunden worden waren.

Die Auswahl der zu untersuchenden Arzneimittelwirkstoffe orientierte sich an den Stoffen, die im Untersuchungsprogramm des LGL in Trinkwasser identifizierbar waren. Zusätzlich bezog man die wichtigsten Metaboliten der untersuchten Arzneimittelwirkstoffe sowie Vertreter aus der Stoffgruppe der Korrosionsinhibitoren, der Flammschutzmittel, der Herbizide (Rübenspritzmittel) und der künstlichen Süßstoffe in die Messungen mit ein. Alle Stoffe - mit Ausnahme der Flammschutzmittel (Analyse mit GC-MS nach flüssig-flüssig-Extraktion) – wurden mit einem LC-MS/MS-System (Sciex 4000 Q-Trap der Fa. Applied Biosystems) quantitativ bestimmt.

Das komplette Spektrum der untersuchten Spurenstoffe finden Sie hier:

Untersuchungsergebnisse

Die Mehrzahl der untersuchten Spurenstoffe wurden in den beprobten Flüssen und Rohwässern in Konzentrationen bis 10 µg/l nachgewiesen. Im Falle des Röntgenkontrastmittels Amidotrizoesäure, der Korrosionsschutzmittel Benzo- und Tolyltriazol sowie des Rübenspritzmittel-Metaboliten Desphenylchloridazon wurden häufig Konzentrationen über 0,1 µg/l und vereinzelt Werte über 0,3 µg/l gemessen. Im Rohwasser erreichte der im September 2009 neu in die Untersuchungen aufgenommene synthetische Süßstoff Acesulfam mit über 2 µg/l, in Oberflächengewässern mit bis zu 10 µg/l die höchsten Konzentrationen der untersuchten Stoffe. Mit Ausnahme des Antibiotikums Sulfamethoxazol wurden die im Frühjahr gemessenen Stoffkonzentrationen bei der Wiederholungsbeprobung im Herbst bestätigt.

Die Mehrzahl der beprobten Brunnen weist einen maßgeblichen Uferfiltratanteil auf. Die Stoffkonzentrationen im Rohwasser der uferfiltratbeeinflussten Brunnen liegen weitgehend in der Größenordnung der benachbarten Oberflächengewässer. Dies bedeutet, dass bei einer Fließdauer von etwa 30 - 200 Tagen keine wesentliche Elimination der untersuchten Stoffe im Untergrund stattfindet. Teilweise liegen die Stoffkonzentrationen in den Brunnen über den zeitgleich ermittelten Werten der Flüsse, d.h. die Wasserbeschaffenheit der Brunnen spiegelt einen zeitlich zurückliegenden Belastungszustand der Oberflächengewässer wider. Das Wasser von Brunnen mit geringem Uferfiltratanteil weist vergleichsweise niedrigere Konzentrationen an Arzneimitteln, Arzneimittelmetaboliten, Benzotriazolen und Phosphorsäuretriestern auf. Allerdings steigen in diesen Fällen die Werte der aus dem Rübenanbau stammenden Chloridazonmetaboliten deutlich an, was wahrscheinlich auf den landwirtschaftlich beeinflussten Grundwasseranteil zurückzuführen ist.

Die Tabellen mit den im Einzelnen gemessenen Gehalten finden Sie in den nachfolgenden Dokumenten:

Humantoxikologische Bewertung durch das LGL

Rechtliche Situation

Für Arzneistoffe gibt es weder national noch international gesetzlich festgelegte Trinkwasser- Grenzwerte. Gemäß § 6 Abs. 1 TrinkwV 2001 dürfen im Wasser für den menschlichen Gebrauch chemische Stoffe, also auch Arzneistoffe, nicht in gesundheitsschädlichen Konzentrationen enthalten sein.

Gesundheitliche Bewertung der Trinkwasserergebnisse

Für Carbamazepin und Sulfamethoxazol wurde auf der Basis verfügbarer toxikologischer Daten von verschiedenen Gremien bzw. Institutionen ein gesundheitlicher Leitwert für Trinkwasser abgeleitet. Liegt ein Gehalt unter dem Leitwert, dann kann ausgeschlossen werden, dass vom lebenslangen täglichen Gebrauch des Trinkwassers eine Gesundheitsschädigung ausgeht. Die Anforderung des § 6 Abs. 1 der TrinkwV 2001 ist dann erfüllt.

In der folgenden Tabelle ist dem niedrigsten toxikologisch abgeleiteten Leitwert die höchste in den untersuchten Trinkwasserproben festgestellte Arzneistoff-Konzentration gegenübergestellt und die resultierende Beurteilung angegeben:

Tabelle 1: Toxikologische Beurteilung von Carbamazepin und Sulfamethoxazol
Arzneimittel-
wirkstoff
Höchste nachgewiesene Trinkwasser-Konzentration Trinkwasser-Leitwert (LW) Ausschöpfung des Leitwertes Beurteilung für den regelmäßigen täglichen Gebrauch des Trinkwassers
Carbamazepin 0,11 µg/l 1 µg/l * 11% Eine gesundheits-
schädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden
Sulfamethoxazol 0,056 µg/l 35 µg/l ** 0,16% Eine gesundheits-
schädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden

* Schriks M. et al.: Toxicological relevance of emerging contaminants for drinking water quality. Water Res. 44 (2): 461-476, (2010)

Bei Primidon, wofür aufgrund der unzureichenden toxikologischen Datenlage keine Leitwert-Ableitung vorliegt, kann eine orientierende und vorläufige gesundheitliche Bewertung unter Heranziehung des TTC-Konzeptes vorgenommen werden:

Bei diesem Konzept werden Stoffe ausgehend von ihrer chemischen Struktur bzw. ihren chemischen Strukturelementen in Klassen (Cramer Classes I, II, III) eingestuft und der jeweiligen Klasse eine täglich duldbare Aufnahmemenge (1800 µg, 540 µg, 90 µg) zugeordnet, unter der selbst bei lebenslanger Aufnahme kein nennenswertes Risiko für die menschliche Gesundheit anzunehmen ist ("threshold of toxicological concern", TTC). Voraussetzung für die Einstufung in eine Cramer Class ist, dass der Stoff auf Grund seiner chemischen Struktur keinen Anlass zur Annahme einer möglichen Genotoxizität liefert. Für Stoffe wie etwa Primidon, die nach ihrer chemischen Struktur zwar nicht als potentiell genotoxisch einzustufen sind, für die aber Hinweise auf eine schwache mutagene und kanzerogene Wirkung vorliegen, wird von einer "threshold of toxicological concern" von 1,5 µg pro Tag ausgegangen [Kroes et al. (2004)].

Ausgehend davon, dass regelmäßig täglich (ein Leben lang) bis zu 1,5 µg Primidon ohne nennenswertes Risiko für die menschliche Gesundheit aufgenommen werden können, für die regelmäßige tägliche Trinkwasseraufnahme üblicherweise eine Menge von 2 Liter angesetzt wird und bei einer Allokation von 50% für die Aufnahme über das Trinkwasser, resultiert ein gesundheitlich duldbarer Höchstwert von 0,37 µg Primidon pro Liter Trinkwasser. Die hohe Allokation von 50% für die Aufnahme über das Trinkwasser ist damit begründet, dass über andere Quellen keine wesentliche unbeabsichtigte Exposition mit Primidon stattfindet.

Der gesundheitlich duldbare Höchstwert von 0,37 µg Primidon pro Liter Trinkwasser bleibt selbst bei der höchsten im Trinkwasser festgestellten Konzentration von 0,026 µg/l deutlich (um mehr als das 10 fache) unterschritten. Daher kann ausgeschlossen werden, dass dadurch beim regelmäßigen täglichen Trinken des Wassers eine Gesundheitsschädigung hervorgerufen wird.

Für die gleichzeitig Carbamazepin, Sulfamethoxazol und Primidon enthaltenden Trinkwässer gilt Folgendes: Eine additive oder in anderer Weise sich ergänzende Wirkung ist für die Kombination dieser Einzelstoffe nur dann zu erwarten, falls die aufgenommene Dosis der Einzelstoffe im Bereich ihrer Wirkschwelle liegt. Liegt die aufgenommene Dosis der jeweiligen Einzelstoffe wie hier beim Trinken der untersuchten Wässer deutlich unterhalb der jeweiligen Wirkschwelle, kann eine gegenseitige Wirkverstärkung ausgeschlossen werden.

Zusammenfassend ergibt sich, dass die in den untersuchten Trinkwässern festgestellten Konzentrationen von Carbamazepin, Sulfamethoxazol und Primidon beim regelmäßigen täglichen Trinken der Wässer für alle Verbraucher/Innen gesundheitlich unbedenklich sind. Diese Aussage gilt auch in Bezug auf die Verwendung der Trinkwässer zur Zubereitung von Säuglingsnahrung und für den Konsum durch Kleinkinder.

Die bei der exemplarischen Untersuchung festgestellten Trinkwasser-Konzentrationen an Amidotrizoesäure und Iopamidol können nach toxikologischer Bewertung beim regelmäßigen täglichen Trinken der Wässer ebenfalls für alle Verbraucher/Innen (einschließlich Säuglinge und Kleinkinder) als gesundheitlich unbedenklich eingestuft werden.

Gesundheitliche Einschätzung der Ergebnisse für oberflächenwasserbeeinflusstes Rohwasser

Als Bewertungsgrundlage dienen die für Trinkwasser abgeleiteten, toxikologisch begründeten Leitwerte (LW) bzw. gesundheitlichen Orientierungswerte (GOW). Bei Unterschreitung dieser Leit- bzw. Orientierungswerte kann davon ausgegangen werden, dass die Anforderung des §6 Abs. 1 der TrinkwV 2001 erfüllt ist. Der Bewertung zugrunde gelegt wird jeweils die höchste in den beiden Messserien (Proben vom April bzw. September 2009) im Rohwasser festgestellte Stoffkonzentration.

Bei der hier vorgenommenen toxikologischen Beurteilung von Messwerten im Rohwasser an Hand der zur Beurteilung von Trinkwasser abgeleiteten Leit- bzw. Orientierungswerte wird von der Annahme ausgegangen, dass die im Rohwasser festgestellten Konzentrationen annähernd denjenigen im daraus gewonnenen Trinkwasser entsprechen bzw. eher höher sind als diejenigen im daraus gewonnenen Trinkwasser (z.B. in Folge Aufbereitung oder Mischung). Dass die Konzentration im Trinkwasser höher ist als die entsprechende Konzentration im zugrundeliegenden Rohwasser, ist unwahrscheinlich. Dennoch wird darauf hingewiesen, dass es sich für eine Beurteilung gemäß §6 Abs. 1 der TrinkwV 2001 grundsätzlich um Untersuchungsergebnisse von Trinkwasser- und nicht von Rohwasserproben handeln sollte.

Arzneimittelwirkstoffe und ihre Metaboliten

Als Bewertungsgrundlage dienen die toxikologisch begründeten Leitwerte, die bei der Beurteilung der vom LGL im Trinkwasser festgestellten Arzneistoffkonzentrationen herangezogen wurden.

Tabelle 2: Toxikologische Beurteilung der untersuchten Arzneimittelwirkstoffe
Arzneimittelwirkstoff Höchste im Rohwasser festgestellte Konzentration Trinkwasser-Leitwert (LW) Ausschöpfung des Leitwertes Toxikologische Beurteilung
Carbamazepin 0,124 µg/l * 1 µg/l 12,4 % Eine gesundheits-schädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden
Sulfamethoxazol ** 0,055 µg/l 35 µg/l 0,16% Eine gesundheits-schädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden
Primidon 0,025 µg/l *** 0,37 µg/l 6,7% Eine gesundheits-schädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden
Amidotrizoesäure 0,26 µg/l 4,5 µg/l 5,8% Eine gesundheits-schädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden

* Summe aus Carbamazepin, Carbamazepin-Epoxid und 10,11-Dihydro-10,11-dihydroxycarbamazepin
** Der Metabolit Acetyl-Sulfamethoxazol lag in allen Rohwasserproben unterhalb der BG von
2 ng/l. Er ist damit nicht bewertungsrelevant
*** Summe aus Primidon und PEMA

PEMA bzw. Carbamazepin-epoxid und 10,11-dihydro-10,11-dihydroxycarbamazepin entstehen im menschlichen Körper bei der Metabolisierung der jeweiligen Muttersubstanz (Primidon bzw. Carbamazepin). Ihre im Rohwasser festgestellten Konzentrationen können zusammen mit der Konzentration für die Muttersubstanz als Summe an Hand des Leitwertes für die Muttersubstanz bewertet werden.

Die in den Rohwasserproben festgestellten Ritalinsäure-Konzentrationen liegen entweder unter bzw. im Bereich (höchster Wert: 4 ng/l) der sehr niedrigen Bestimmungsgrenze von 2 ng/l und sind damit nicht bewertungsrelevant. Ritalinsäure ist der bei der Verstoffwechslung im Körper entstehende Hauptmetabolit von Methylphenidat (Ritalin®).

Benzotriazol und Tolyltriazol (Korrosionsinhibitoren)

Benzotriazol (CAS-Nr.:95-14-7) und Tolyltriazol (CAS-Nr.: 29385-43-1) sind toxikologisch nicht umfassend untersucht. Für beide Stoffe ergibt sich aus den derzeit vorliegenden Daten kein NOAEL, auf dessen Basis ein TDI (tolerable daily intake)-Wert abgeleitet werden könnte.

Nach dem TTC-Konzept lassen sich beide Stoffe orientierend und vorläufig wie folgt beurteilen:
Benzotriazol liefert nach seiner chemischen Struktur keinen Grund zur Annahme einer möglichen Genotoxizität. Zudem haben in vitro und in vivo durchgeführte Genotoxizitätstests keinen belastbaren Beweis für Genotoxizität von BZT ergeben. BZT ist nach seiner chemischen Struktur in Cramer Class III einzustufen. Für Stoffe in Cramer Class III gilt nach dem TTC-Konzept: Es können regelmäßig täglich bis zu 90 µg des Stoffs vom Menschen aufgenommen werden, ohne dass ein gesundheitliches Risiko anzunehmen ist. Bei Allokation eines Anteils von 10% für die tägliche Aufnahme über das Trinkwasser und der üblichen Annahme eines täglichen Trinkwasserkonsums von 2 Liter ergibt sich somit für Benzotriazol ein Leitwert von 4,5 µg pro Liter Trinkwasser.

Tolyltriazol ist wie Benzotriazol zu beurteilen:
Nach der chemischen Struktur besteht kein Grund zur Annahme einer möglichen Genotoxizität und in vitro sowie in vivo durchgeführte Genotoxizitätstests haben keinen belastbaren Beweis für Genotoxizität von Tolyltriazol geliefert. Tolyltriazol ist wie BZT nach der chemischen Struktur in Cramer Class III einzustufen. Für Tolyltriazol ergibt sich somit der gleiche Leitwert wie für Benzotriazol: 4,5 µg pro Liter Trinkwasser.

Da für Benzotriazol und Tolyltriazol von einer gleichen Wirkungsweise auszugehen ist, kann der Leitwert von 4,5 µg/l auch für die im Trinkwasser festgestellte Summenkonzentration der beiden Stoffe zugrunde gelegt werden.

Tabelle 3: Toxikologische Beurteilung von Benzo- und Tolyltriazol
Stoff Höchste im Rohwasser festgestellte Konzentration Trinkwasser-Leitwert (auf Basis des TTC-Konzeptes abgeleitet) Ausschöpfung des Leitwertes Toxikologische Beurteilung
Benzotriazol 0,36 µg/l 4,5 µg/l 8% Eine gesundheitsschädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden
Tolyltriazol 0,28 µg/l 4,5 µg/l 6,2% Eine gesundheitsschädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden
Summe aus Benzotriazol und Tolyltriazol 0,64 µg/l 4,5 µg/l 14,2% Eine gesundheitsschädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden

Desphenylchloridazon (Metabolit B) und Methyldesphenylchloridazon (Metabolit B1)

Zur Bewertung der beiden Metaboliten des Pflanzenschutzmittelwirkstoffs Chloridazon kann der vom Umweltbundesamt (2009) abgeleitete GOW herangezogen werden:

Tabelle 4: Toxikologische Beurteilung der Chloridazon-Metaboliten
Stoff Höchste im Rohwasser festgestellte Konzentration GOW des UBA (Toxikologisch begründet) Ausschöpfung des GOW Toxikologische Beurteilung
Desphenyl-chloridazon (Metabolit B) 0,33 µg/l 3,0 µg/l 11% Eine gesundheitsschädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden
Methyl-Desphenyl-chloridazon (Metabolit B1) 0,09 µg/l 3,0 µg/l 3% Eine gesundheitsschädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden

Acesulfam

Das Kaliumsalz von Acesulfam (Acesulfam K) ist ein in Deutschland und den anderen Mitgliedsländern der EU zugelassener Lebensmittelzusatzstoff (E 950). Für Acesulfam liegt vom SCF der EU (2000) die Ableitung eines ADI-Wertes in Höhe von 9 mg/kg KG und Tag vor. Ausgehend von diesem ADI-Wert lässt sich für Trinkwasser ein Leitwert von 2,7 mg pro Liter herleiten (zugrunde gelegte Daten: 60 kg schwerer Erwachsener, Allokation von 1% für die Aufnahme über das Trinkwasser, Konsum von 2 Liter Trinkwasser täglich).

Tabelle 5: Toxikologische Beurteilung von Acesulfam
Stoff Höchste im Rohwasser festgestellte Konzentration GOW des UBA (Toxikologisch begründet) Ausschöpfung des Leitwertes Toxikologische Beurteilung
Acesulfam 2,2 µg/l 2,7 mg/l 0,08% Eine gesundheitsschädigende Wirkung kann ausgeschlossen werden

Phosporsäuretriester (TCEP, TCPP, TDCPP)

Die in den untersuchten Rohwässern festgestellten Konzentrationen der Stoffe Tris-(2-chlorethyl)-phosphat (TCEP), Tris-(2-chloro-1-propyl)-phosphat (TCPP) und Tris-(dichlorpropyl)-phosphat (TDCPP) liegen in jedem Fall sowohl bei Betrachtung des jeweiligen Einzelstoffs wie auch bei Betrachtung der Summe der drei Stoffe unterhalb des allgemeinen Vorsorgewertes von 0,1 µg/l (GOW1). Eine Schädigung der menschlichen Gesundheit ist daher durch die festgestellten Konzentrationen der genannten Stoffe nicht zu besorgen.

Fazit

Im Rohwasser und im Trinkwasser aus oberflächenwasserbeeinflussten Gewinnungsanlagen wurden einzelne Arzneimittelwirkstoffe, Metaboliten sowie weitere polare Spurenstoffe gefunden. Auf Grund der ermittelten niedrigen Konzentrationen besteht jedoch keine Besorgnis, dass die menschliche Gesundheit geschädigt wird. Diese Aussage gilt für alle Verbraucher/Innen einschließlich Säuglinge und Kleinkinder.

Empfehlung des LGL für Trinkwasserversorgungsunternehmen

Durch die vorgestellten Untersuchungsergebnisse und ihre toxikologische Bewertung konnte gezeigt werden, dass selbst dann, wenn Arzneimittelwirkstoffe, Metaboliten oder bestimmte weitere Stoffe im Spurenbereich im Wasser zu finden sind, keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Verbraucher zu befürchten sind. Etwaige Untersuchungen auf diesbezügliche Spurenstoffe durch die Wasserversorgungsunternehmen sind daher nicht erforderlich.

Literatur

Kroes R. et al. (2004): Structure-based thresholds of toxicological concern (TTC): guidance for application to substances present at low levels in the diet. Food Chem. Toxicol. 42: 65-83.