PFOA-Problematik im Raum Gendorf

Einsatz von PFOA als Emulgator

Im Industriepark Werk Gendorf (IPWG) wurde bis 2008 zur Produktion von Fluorpolymeren Perfluoroctansäure (PFOA) als Produktionshilfsstoff (Emulgator) verwendet. Die Emissionen der vorwiegend über das Abwasser und zu Teilen auch über die Luft emittierten PFOA konnte im Lauf der Jahre deutlich gesenkt werden. So lagen im Jahr 2006 die PFOA-Konzentrationen in der Alz bei etwa 5 - 8 µg/l und damit deutlich unter dem vom Umweltbundesamt festgelegten Schwellenwert für die aquatischen Lebensgemeinschaften von 570 µg/l.

Seit der Einführung eines Ersatzstoffes im Jahr 2008 wird PFOA am Standort Gendorf nicht mehr verwendet (siehe auch Einführung des PFOA-Ersatzstoffes ADONA).

Durch den langjährigen Einsatz von PFOA seit den sechziger Jahren liegen allerdings im Umfeld des IPWG Belastungen der Umwelt mit PFOA vor, deren Risikopotenzial durch umfangreiche Untersuchungsprogramme der zuständigen Behörden analysiert wurde (Landesamt für Umwelt und Wasserwirtschaftsamt Traunstein in enger Kooperation mit dem Landratsamt Altötting, dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie der Landesanstalt für Landwirtschaft). Eine Gefährdung der Bevölkerung kann auf Basis dieser Untersuchungen nach aktuellem Kenntnisstand ausgeschlossen werden. Zur Abklärung der Herkunft und weiteren Entwicklung der vorgefundenen PFOA-Konzentrationen in Boden und Grundwasser ist jedoch noch eine detaillierte Untersuchung erforderlich. Aufgrund der Ergebnisse hat der IPWG mittlerweile zur Ergänzung und Vervollständigung der behördlichen Untersuchungen ein renommiertes Ingenieurbüro mit weiteren Untersuchungen für eine solche detaillierte Gefährdungsabschätzung beauftragt. Diese Untersuchungen werden durch ein Expertengremium der zuständigen Behörden eng begleitet.

Im Folgenden werden die wesentlichen Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen zusammenfassend dargestellt.

Grund- und Trinkwasser im Raum Gendorf

Im Gegensatz zu den bayernweiten Untersuchungen konnten bereits zu Beginn des Untersuchungsprogrammes im Raum Gendorf teils leicht erhöhte Werte insbesondere für PFOA in Grund- und Trinkwasserproben nachgewiesen werden. Im Rohwasser einer Trinkwasserversorgung kam es zu geringfügigen Überschreitungen des von der Trinkwasserkommission am Umweltbundesamt festgesetzten lebenslang duldbaren gesundheitlichen Orientierungswertes von 0,3 µg/l. Die Festsetzung dieses Orientierungswertes berücksichtigt auch besonders empfindliche Personen wie z.B. Säuglinge. Die betroffene Trinkwasserversorgung errichtete daraufhin mit finanzieller Beteiligung des Industrieparks Werk Gendorf (IPWG) erfolgreich eine Aktivkohlefiltration zur Entfernung der PFOA. Seither ist das Trinkwasser dieser Anlage weitestgehend PFOA-frei. Weitere Trinkwasserversorgungen im Raum Gendorf sind von einer Überschreitung des gesundheitlichen Orientierungswertes von 0,3 µg/l nicht betroffen. Das LGL veröffentlicht regelmäßig aktualisierte Werte der Trinkwasseruntersuchungen.

Das LfU ging in enger Abstimmung mit dem Wasserwirtschaftsamt Traunstein den Ursachen für die Grundwasserbelastungen nach. Zur Ursachenermittlung der Grundwasserkontaminationen im Bereich des Öttinger Forstes wurde 2007 zunächst entlang der Alz Grundwasser beprobt. In sechs von zehn Proben in diesem Bereich zwischen dem IPWG und der Gemeinde Emmerting fanden sich erhöhte Perfluoroctansäure (PFOA)-Werte über dem gesundheitlichen Orientierungswert für Trinkwasser (s. Link "Ergebnisse der Grundwasseruntersuchungen im Bereich Gendorf 2007"). Das Grundwasser in den untersuchten Gebieten wird jedoch nicht als Trinkwasser genutzt, die Verwendung als Trinkwasser ist dort auch nicht zulässig. Darauf hat das zuständige Landratsamt hingewiesen. An zwei Messstellen fanden sich neben PFOA auch niedrigere Homologe der PFOA. Dabei handelt es sich um zu PFOA eng verwandte Substanzen mit kürzerer Kettenlänge, die bei der Aufklärung der Belastungsherkunft hilfreich sein können und deswegen mit bestimmt werden.

Weitere Untersuchungen sollten daher ergeben, ob die festgestellten Grundwasserwerte durch versickerndes Alzwasser zu Stande kommen oder vom Betriebsgelände des Industrieparks Gendorf ausgehen. An rund 100 Grundwasseraufschlüssen wie Quellen, Pegeln und Brunnen im weiteren Umfeld des IPWG ermittelte das Wasserwirtschaftsamt Traunstein in einem aufwändigen Verfahren mit so genannten Stichtagsmessungen die Fließrichtung und die PFOA-Belastung des Grundwassers.

Aufgrund fehlender Messstellen im Bereich des Zustroms zu den nördlich des Werkes gelegenen Brunnen mit nachgewiesenen geringen PFOA-Belastungen wurden im Spätherbst 2008 vier weitere Messstellen eingerichtet. Alle mit Stand von November 2009 vorliegenden Ergebnisse sind nunmehr im hydrogeologischen Basisgutachten des Wasserwirtschaftsamtes Traunstein zusammengefasst. Damit liegen umfassende Erkenntnisse zu den Grundwasserströmungsverhältnissen und den wahrscheinlichen Belastungspfaden des Grundwassers durch PFOA vor, die den Grundstein für weitere Maßnahmen zur Minimierung bilden.

Karte der Grundwasserprobeentnahme im Bereich Gendorf 2008
Bild vergrößern
Standorte der Grundwasserprobeentnahme im Bereich Gendorf 2008

Böden im Bereich Gendorf

Ein Teil der vom Industriepark Werk Gendorf (IPWG) emittierten PFOA gelangte auch in die Luft. Durch Auswaschungseffekte und partikelgebundenen Transport erfolgte eine Deposition von PFOA auch in die Böden der Umgebung. Anhand mathematischer Modelle wurde das Verteilungsverhalten von PFOA über den Luftpfad ermittelt und die Ergebnisse wurden mit Bodenuntersuchungen verifiziert (s. Link Ausbreitungsberechnung). Eine erste Bestandsaufnahme der PFC-Gehalte in Böden aus dem Jahr 2006 (s. Link unten "Untersuchungen 2006") wurde um weitere Bodenuntersuchungen gezielt ergänzt, um die vorliegenden ersten Ergebnisse zu validieren und mögliche Zusammenhänge mit den vorhandenen Grundwasserbelastungen herzustellen. Ziel war es dabei u.a. den atmosphärischen Depositionsbereich für PFC in Böden einzugrenzen, sowie landwirtschaftliche Nutzflächen im Umfeld des IPWG in die Untersuchungen einzubeziehen. Bei der Auswahl der Messstellen wurde besonderes Augenmerk auf die Böden im Auenbereich und im Öttinger Forst gelegt. Die Proben wurden im April 2007 entnommen und analysiert (s. unten "Untersuchungen 2007").

Die dabei festgestellte Verteilung auf mehrere Bodenhorizonte bei einer mit der Tiefe stark abnehmenden Konzentration spricht für eine gewisse Mobilität der PFOA. Aufgrund der relativ hohen Wasserlöslichkeit ist eine Verfrachtung von PFOA aus dem Boden ins Grundwasser wahrscheinlich. Zur Quantifizierung dieser Frachten und für eine Prognose weiterer Entwicklungen wurden daher im Juni 2008 an drei Stellen im Umfeld des Industrieparks sog. Lysimeter - Bodensäulen mit einer Fläche von 1 m2 und einer Höhe von 2 m – entnommen, die seitdem in der Lysimeteranlage des LfU in Wielenbach intensiv auf das Austragsverhalten von PFOA untersucht werden. Erste belastbare Ergebnisse und Auswertungen sind Anfang 2011 zu erwarten.

Weitere Boden-Untersuchungen 2009 führten dann zu einer Abschätzung der PFOA-Konzentration in den an den IPWG angrenzenden Waldflächen (s. Link Abschätzung der PFOA-Konzentrationen in Waldauflagen). Es zeigte sich, dass aufgrund von Auskämmeffekten der Bäume, die auch für andere über die Luft verbreitetet Schadstoffe beobachtet werden können, die PFOA-Konzentrationen in der Streuauflage von Waldflächen deutlich höher ist als auf nicht bewaldeten Flächen wie landwirtschaftliche Flächen und Siedlungsgebiete. Aufgrund der relativ hohen Mobilität von PFOA ist bei den festgestellten Bodenkontaminationen vor allem der Pfad Boden-Grundwasser relevant. Eine Gefährdung der menschlichen Gesundheit, auch über einen möglichen Transfer Boden – Pflanze, ist bei den vorgefundenen Konzentrationen nach bisherigem Kenntnisstand auszuschließen.

Die deutlich niedrigeren Belastungen außerhalb von Forstflächen zeigten sich auch bei Untersuchungen 2010 bei Neubaugebieten im Raum Emmerting . Es wurden, wenn überhaupt, nur sehr niedrige Feststoff-Konzentrationen im Bereich der Bestimmungsgrenze des Meßverfahrens gefunden. Die Eluatwerte (also die mit Wasser aus dem Boden auslaugbaren PFOA-Anteile) waren ebenfalls sehr niedrig und unterhalb des vorläufig festgesetzten Schwellenwertes von 1 µg/l für eine uneingeschränkte Verwertung von Aushubmaterial (s. Link PFOA-Werte für Bauland).

Anhand der bis 2009 vorliegenden Daten wurde der IPWG aufgefordert, eine detaillierte Gefährdungsabschätzung, insbesondere zur Abgrenzung des betroffenen Gebietes, sowie zur Erfassung der momentanen und Prognose einer möglichen zukünftigen Grundwasserkontamination mit PFOA vorzulegen. Wie bereits erwähnt, wurde 2010 ein renommiertes Ingenieurbüro mit der Durchführung dieser Untersuchungen beauftragt, diese werden durch ein Expertengremium von LfU, Wasserwirtschaftsamt und Landratsamt begleitet.

Profilgrube des entnommenen Lysimeters Bild vergrössern Profilgrube des entnommenen Lysimeters

Atmosphärische Deposition im Bereich Gendorf

Zur Untersuchung des Ausbreitungsverhaltens von PFOA wurden von Januar bis August 2008 auch Messungen der atmosphärischen Gesamtdeposition mit sechs vierwöchigen Probenahmezyklen durchgeführt. Die fünf Messpunkte sind in untenstehender Karte eingezeichnet. Die für PFOA gemessenen Depositionsraten lagen am höchstbelasteten Messpunkt in unmittelbarer Werksnähe im Mittel bei 3,9 µg/m²*d und entsprechen an allen Messpunkten den Resultaten der Ausbreitungsrechnungen aus den bekannten, über den Luftpfad emittierten Mengen. Aus den gemessenen Depositionsraten von PFOA können die auf den Boden auftreffenden Mengen berechnet werden. (Ergebnisse s.a. "Weitere Untersuchungen zum Umweltverhalten von ADONA"). Die Ergebnisse liefern gute Übereinstimmungen mit den real gemessenen Werten in Bodenproben.

Karte mit den Messpunkten Bild vergrössern Lage der Messpunkte zur Bestimmung der Depositionsraten. Die Messpunkte MP2 (Burgkirchen) und MP 6 (Kastl) wurden nicht beprobt